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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 480

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Der Kulturwert des Judentums
Date
1920-01-01
Page
480 (sequence 2)
Language
German
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480 Wilhelm Jerusalem: andere. Ethische Religionen besitzen jedoch eine Individualität, welche kräftig genug ist, um auch den gewaltigsten Umwälzungen zu widerstreben. Das persische Reich ist die Beute mohammedanischer Eroberer geworden und hat ihre Religion angenommen. Aber die Religion Zarathustras lebt immer weiter, wenn auch teilweise im Exil und blüht vor allem in Indien, wo sie eine gastliche Aufnahme fand." „Das Judentum brauche ich nur zu erwähnen. Israel ist über die ganze Welt versprengt. Seine Einheit und Selbständigkeit als Volk ist vernichtet. Es wohnt mitten unter den Gojim, redet ihre Sprachen, befolgt ihre Gesetze, gehorcht ihren Fürsten. Aber es hat sein Gesetz und seine Propheten überall hin mitgenommen und bleibt seinen alten Traditionen treu. Zwei kräftige Sprößlinge sind aus dem alten Stamm hervorgesprossen, Christentum und Islam, und selbst schon zu breitästigen Bäumen geworden, aber der alte Stamm steht noch immer tief gewurzelt und in voller Blüte." So spricht ein nicht jüdischer, ganz unbefangener und durch seine umfassende Gelehrsamkeit besonders maßgebender Forscher. Es muß heute, wo für zahlreiche Juden die Religion an innerer Bedeutung viel verloren hat, immer wieder darauf hingewiesen werden, daß zur Erhaltung unserer Eigenart nichts anderes auch nur annähernd so viel beigetragen hat als die Religion. Worin liegt nun der Kulturwert dieser Religion? Das Judentum ist vor allem spiritualistischer Monotheismus. Gott ist geistig und Gott ist einheitlich, In dieser geistigen Einheitlichkeit und einheitlichen Geistigkeit des jüdischen Gottesbegriffes liegt die Aufforderung zu einer überaus intensiven, keineswegs leichten aber schlechterdings unerläßlichen seelischen Konzentration, die zur Quelle geistiger Kraft und geistigen Reichtums wird. Die Einheit Gottes ist der Grundpfeiler der jüdischen Religion. „Höre, Israel, Jahweh dein Gott, Jahweh ist einheitlich." Um diesen Gedanken ganz in sich aufzunehmen, muß man alle Seelenkräfte zusammenfassen und auf diesen einen Punkt konzentrieren. Diese geistige Arbeit wird schon früh als überaus schwer erkannt und man betet zu Gott um die Kraft dazu. „Und ich gebe ihnen ein einmütig Herz und einen einzigen Weg, mich zu fürchten", sagt der Prophet Jeremia (32,39) und in demselben Sinne betet der Psalmist (86,11) „Gib mir ein einmütig Herz, Deinen Namen zu fürchten." Der jüdische Religionsphilosoph Bachjah, der ein vielgelesenes Buch über die Herzenspflichten geschrieben hat, widmet das ganze erste Buch dem Gedanken der Einheit Gottes, der für ihn die Grundlage aller Verpflichtung bildet. Hermann Cohen hat diesen Gedanken der Herzenseinheit wiederholt hervorgehoben und religionsphilosophisch gedeutet. Es mag einseitig sein, im Walten der Natur und in der Geschichte der Menschheit immer nur das Wirken des einzigen Gottes zu sehen, aber zweifellos ist diese starke Konzentration der Seele auf ein geistiges Prinzip eine Quelle seelischer Kraft geworden. Dies zeigt sich besonders deutlich in einer Erscheinung, die mit Recht als ein Hemmnis in der Entwicklung des Judentums bezeichnet wurde. In der Zeit nach Esra und noch entschiedener in der Diaspora tritt nämlich an die Stelle Gottes die von ihm gegebene „Thora". Darin sind keineswegs bloß die fünf Bücher Mosis, sondern auch alles das inbegriffen, was sich im Laufe der Zeiten als sogenannte „mündliche Überlieferung (Thora schebeal Pe) angehäuft hatte. Die religiöse Bedeutung dieses unübersetzbaren Wortes und Begriffes ist in dem überaus lesenswerten Buche des

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