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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 479

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Der Kulturwert des Judentums
Date
1920-01-01
Page
479 (sequence 1)
Language
German
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Wilhelm Jerusalem: Der Kulturwert des Judentums 479 DER KULTURWERT DES JUDENTUMS Zu den sogenannten „aktuellen" Problemen, die jetzt für uns Juden und für eine nicht geringe Zahl von Nichtjuden in bezug auf die künftige Gestaltung und auf die Stellung der Judenheit in der Welt auf der Tagesordnung stehen, gehört die Frage nach dem Kulturwert des Judentums gewiß nicht. Nationalismus und Assimilation, Jüdisch oder Hebräisch, alle die verwickelten Fragen, die das Ostjudentum aufgibt, die Kolonisation Palästinas, der geplante Zusammenschluß der Juden Amerikas auf einem Kongreß, vor allem aber die Linderung der unsäglichen Leiden, die der Krieg gebracht hat, kurz die Forderungen des Tages sind es, die uns lebhafter und intensiver beschäftigen, als die grundlegenden Fragen nach dem wahren Wesen und dem Kulturwert des Judentums. Nach meiner Überzeugung hängt die endgültige Lösung aller aktuellen Probleme in letzter Linie davon ab, wie tief und wie fest das Bewußtsein vom Kulturwert des Judentums in den Seelen seiner Bekenner verankert ist. Deshalb erscheint mir eine Erörterung dieser grundlegenden Frage auch heute noch nicht zu den „unzeitgemäßen Betrachtungen" zu gehören. Daß das Judentum wirklich einen hohen Kulturwert besitzt, dafür gibt es einen einzigen aber dafür ganz unwiderleglichen Beweis. Das ist die nicht wegzuleugnende Tatsache, daß das Judentum heute noch besteht. Mehr als dreitausend Jahre lang haben wir uns in unserer Eigenart erhalten. Aus der Heimat vertrieben, in unserer staatlichen Existenz vernichtet, leben wir seit fast zweitausend Jahren zerstreut unter den Völkern. Wir nehmen teil an ihren Schicksalen, sind mittätig an ihrer Kulturarbeit und sind doch nicht in ihnen aufgegangen. Die schwersten Bedrückungen, die grausamsten Verfolgungen haben wir erduldet und noch zu erdulden. Man hat uns geplündert und verjagt, gemartert und gemordet und doch stehen wir da in voller Kraft, deren wir uns eben erst anfangen bewußt zu werden. Angesichts dieser Tatsachen darf ich wohl auf die Juden das tiefsinnige Wort Tassos anwenden und sagen: „Ich weiß es, sie sind ewig, denn sie sind". Wenn wir nun fragen, welchen Eigenschaften, welchen Leistungen und welchen Schicksalen es zuzuschreiben ist, daß sich das Judentum bis heute erhalten hat, so haben wir damit zugleich nach den Momenten gefragt, die den Kulturwert des Judentums ausmachen. i. Da ist vor allem unsere Religion zu nennen. Sie ist ihrem Ursprung nach eine ethische Religion und unterscheidet sich eben dadurch wesentlich von den antiken Naturreligionen. Diesen Unterschied hat der holländische Forscher C P. Tiele in seinem Werk „Einleitung in die Religionswissenschaft" besonders klar herausgearbeitet. „Ich darf zwar nicht behaupten," sagt er (I, 124f.), „daß eine ethische Religion nicht zugrunde gehen kann, verdrängt von der Übermacht einer andern. Ich weiß nur, daß es noch niemals geschehen ist. Das ist eine bemerkenswerte Tatsache, die Beachtung verdient. All die Naturreligionen des Altertums, selbst die höchsten und die schönsten, sind mit den Völkern gestorben, zu denen sie gehören, die ägyptische und die chaldäische, die griechische und die römische, die germanische und die slawische und so viele

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