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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 477

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Graetz und das nationale Judentum
Date
1920-01-01
Page
477 (sequence 7)
Language
German
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Graetz und das nationale Judentum von den nationalistischen Strömungen in Rußland, von den Anfängen der Propaganda für die Palästinakolonisation in England, Rußland und anderen Ländern. Aber mehr aus sich selbst heraus war er zu der Überzeugung gelangt, daß die Juden als eine Kulturnation sich auch politisch wieder durchsetzen müßten, daß sie den Orientalen die europäische Kultur übermitteln würden, und dazu die Hilfe Frankreichs, das das Protektorat über die katholischen Christen im Orient übernommen hatte, und Louis Napoleons, der zur Festigung seines Einflusses im Orient für diesen Gedanken zu gewinnen sein dürfte, vielleicht auch Amerikas erlangen könnten*). Für diesen Gedanken, den Graetz nur in intimem Freundeskreises auszusprechen für nötig fand, hat er niemals größere Propaganda betrieben. Doch wußte die Mitwelt von seiner stillen Liebe und nicht mit Unrecht hat Hermann Cohen ihn als den Typus des „Palästinensers" d. h. des nationalgesinnten Juden verlästert.**) Im März des Jahres 1872 ging Graetz' große Sehnsucht seines Lebens, das Land seiner Väter mit eigenen Augen zu schauen, in Erfüllung. Er hatte schon früher diesen Plan (einmal auch in Begleitung von Moses Heß) ausführen wollen, mußte aber aus äußeren Gründen seine Absicht immer wieder aufschieben. Weniger die vorgebliche Notwendigkeit der „Autopsie*4 im wissenschaftlichen Interesse zur Vollendung der ersten beiden Bände seiner Geschichte, wie er im Vorwort zum ersten Bande angibt, als das Verlangen nach dem Erlebnis, das Ursprungsland seines Stammes kennen zu lernen, trieb ihn mit zwei Freunden die Reise zu unternehmen. Und nicht minder als die Überzeugung von der „Wahrhaftigkeit" der biblischen Berichte brachte er als Ergebnis seiner Beobachtungen eine Fülle von tiefen Eindrücken nach Hause, die die herrliche Natur des Landes und die Verhältnisse seiner Bewohner in ihm ausgelöst hatten. In einer Denkschrift über die Zustände der palästinensischen Gemeinden hat er mit seinen Freunden diese Ergebnisse niedergelegt***). Er war entsetzt über die Armut, das Bettelunwesen, die falsche Organisation der Chalukka, das physische Elend der Bevölkerung und forderte Bekämpfung der Frühehe, Errichtung von Schulen, Waisenhäusern und ähnlichen nützlichen Anstalten. Kein Wunder, daß er und seine Genossen sich den heftigsten Zorn der palästinensischen und deutschen Orthodoxie zuzogen, die über diese Schmähung der Talmide-Chachamim, der Müßiggänger und Schnorrer empört waren und mit Verwünschungen der kühnen Kritiker nicht sparten. Nach seiner Rückkehr begann Graetz eine lebhafte Agitation für die Errichtung eines jüdischen Waisenhauses in Jerusalem, er unternahm zahlreiche Reisen, hielt Vorträge in verschiedenen Städten, war Mitbegründer des „Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina", interessierte sich bei Baron Rothschild für die Förderung der Ackerbauschule „Mikweh Israel", empfahl R. Samuel Mohilewer und mehrere Pioniere der Palästinakolonisation an *) Nach verschiedenen unveröffentlichten Materialien, auch freundlichen Mitteilungen von Herrn Professor Dr. Bloch in Posen, vgl. ferner Graetz's Schrift „Briefwechsel etc." Seite 77/78, sowie Moses Heß „Jüdische Schriften" herausgegeben von Theodor Zlocisti Berlin 1905. Näheres in meinem Buche. **) Cohen, Ein Bekenntnis in der Judenfrage 1880 Seite 16 ff. ***) Die „Denkschrift über die Zustände der jüdischen Gemeinden in Palästina und besonders in Jerusalem" (Berlin 1872 6 S. in 40) erschien als Manuskriptdruck und wurde allen Palästinavereinen zugesandt, kam aber dann doch in die Öffentlichkeit.

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