Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Graetz und das nationale Judentum
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 476 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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476 Josef Meisl: jüdisch(-national), in deutschen Dingen deutsch (-national). Wohl hatte er die Deutschen und ihren Judenhaß mit äußerster Schärfe kritisiert und sich vielfache Vorwürfe zugezogen*), wohl scheute er nicht auch vor heftigsten Angriffen gegen die judenfeindliche Umwelt und den ,,Erzfeind", das Christentum, zurück, aber das hinderte ihn nicht, der deutschen Nation sich in unverbrüchlicher Treue zugehörig zu fühlen. Als Student hatte er an der deutsch-nationalen Bewegung aktiven Anteil genommen, lange vor 1870 den Traum eines Reiches mitgeträumt, und er empfand es als herben Schlag, als von Treitschke sein deutscher Patriotismus verdächtigt wurde.**) Die Emanzipation und die bürgerliche Gleichstellung sogar um den Preis einer jüdischen Solidarität waren auch ihm Idole, von denen sein Blick gebannt, sein jüdisches Empfinden nicht selten getrübt wurde. Und doch war es mehr als eine Ahnung, wenn weite Kreise der deutschen Judenheit, die sich wohl zu einer Abwehr der Treitschkeschen Angriffe bemüßigt fühlten, vor einer Identifizierung mit Graetz zurückscheuten. Er blieb trotz aller Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde, im Grunde ein Einsamer, ein Isolierter, der zu sehr von der Liebe zu seinem Stamm erfüllt war, um in dem Parteigetriebe seiner Zeit eine Unterkunft finden zu können. Diese elementare Liebe hatte in ihm den großen Glauben an die Unzerstörbarkeit und die Wiederaufstehung seines Volkes erzeugt, des Messiasvolkes, dem noch eine größere Aufgabe als die Verbreitung einer höheren Moral bevorstehe. Israel hat ja oft genug in seiner Geschichte den Beweis gegeben, daß es aus Grabesschlummer zu erwachen fähig und zur Unsterblichkeit bestimmt ist. Er beruft sich zum Beweise dieser „schlummernden Lebenskraft", die die jüdische Nation wie einen „unverlöschlichen Funken bewahrt" hat, auf jene Sage des Talmuds von der Auferstehung des Leibes. ,,Wenn Tod und Verwesung die Atome eines menschlichen Organismus in alle Winde zerstreut haben, bleibt noch ein Knöchelchen, das aller Zerstörung widersteht, das selbst auf dem Amboß nicht zertrümmert werden kann. Von diesem unzerstörbaren Kernpunkt aus entwickelt sich die Auferstehung. Hat ein Volk einen solchen diamantenen Kern, dann vermögen Eisen und Feuer nichts dagegen und noch weniger ätzende Säure; es dehnt sich vielmehr wieder aus, wenn es auch durch Druckeswucht auf einen kleinen Punkt zusammengeschrumpft war"***). An eine solche Regeneration der Judenheit in einem geistigen Sinne durch die Wissenschaft*!*), at>er auch auf politischem Gebiete in Palästina glaubte Graetz. Er kannte Moses Heß persönlich, verkehrte mit ihm in Breslau und animierte ihn zur Mitarbeit an der „Monatsschrift", er war von George Eliots und Oliphants Schriften beeinflußt, er wußte *) Vgl. Kritik des XL Bandes von M. L. im „Literarischen Zentralblatt" 1879 Seite 29/31; Treitschke in „Preußische Jahrbücher" 1879 Seite 572 ff. und Seite 666 ff. („Herr Graete und sein Judentum"). **) „Erwiderungen an Herrn von Treitschke" Schlesische Presse 1879 Nr. 859 und „Mein letztes Wort an Professor von Treitschke", daselbst Nr. 907. ***) „Die Verjüngung des jüdischen Stammes" a. a. 0. f) „Historie Parallels in Jewish History" transl. by J. Jacobs, Publications of the Anglo- Jewish Historical Exhibition 1887 (Vorträge, gehalten bei Eröffnung der englisch-jüdischen historischen Ausstellung in London am 16. Juli 1887).