Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Graetz und das nationale Judentum
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 478 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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478 Josef Meisl: Graetz und das nationale Judentum Rothschild*). Das Waisenhaus wurde gegründet und später mit der Lämelschule vereinigt; der erste Direktor war Dr. Wilhelm Herzberg, Verfasser der „Jüdischen Familienpapiere". Graetz hat der Anstalt bis zu seinem Tode liebevollste Pflege zugewandt. Eine kurze Zeit stand er auch in Beziehungen zur Chowewe-Zion- Bewegung. Dr. Leon Pinsker besuchte ihn auf der Rückreise von der Kattowitzer Konferenz (Herbst 1884), und Graetz wurde dann durch Zirkularabstimmung zum Komiteemitglied gewählt. Seines Bleibens war aber nicht mehr lange, denn er fühlte sich von der hypernationalistischen Propaganda, die namentlich bei der Feier der tausendjährigen Nummer des „Ha-Meliz" (chag hoelef, anfangs 1885) zum Ausdrucke kam, abgestoßen. Einem solchen Nationalismus vermochte er nicht zu folgen, und er schrieb einen Absagebrief an das Komitee der Zionsfreunde**). Damit endete Graetz1 Wirksamkeit für die Palästinaidee. In jüdisch-politischen Fragen trat er sonst nur noch einmal hervor, bei der Versammlung der Alliance Israelite Universelle zugunsten der rumänischen Juden (1878)***). Wie das Land der Ahnen hat Graetz die Sprache der Väter geliebt. Er war zwar selbst kein Meister des hebräischen Stils und kannte die neueste hebräische Literatur kaum mehr als vom Hörensagen. Vielmehr galt sein Interesse der Wiederbelebung der hebräischen Dichtungen Jehuda Halevis und anderer, von der er sich viel für die Weckung des jüdischen Stammesgefühls versprach, und er gab zu diesem Zwecke eine Anthologie jüdischer Dichrer herausf). Er rechnete es sich als hohe Ehrung an, daß seine Geschichte ins Hebräische übersetzt worden war, und verfolgte die Übersetzung der ersten Bände bis zu seinem Tode, wie seine Briefe bezeugen, mit lebhaftestem Interesse. Diese Liebe für alles Jüdische durchweht jede Zeile des Graetzschen Geschichtswerks und sie, nicht sein wissenschaftlicher Wert oder Unwert, sichert ihm Unsterblichkeit in der Literatur unseres Volkes. Weit mehr als ein Forschungsobjekt ist wie gesagt für Graetz die Geschichte ein Erlebnis gewesen. Wenn er einmal in Michael Sachs' Hause Zunz, der zum ersten Male von Graetz* Plänen erfuhr, auf die Bemerkung „Schon wieder eine jüdische Geschichte!" erwiderte: „Aber dieses Mal eine jüdische!"tt)> so hat er getreulich Wort gehalten. Er wußte sich mit feinem Instinkt in die Vergangenheit einzufühlen, er war selbst das jüdische Volk, der ■Wandernde Jude, „der alle Sprachen spricht, in allen Ländern war, in einer Weise, die als Wunder betrachtet werden muß, allen Gefahren und Schrecknissen entrinnt, der jüngste Bruder der Zeit"ftt)- So hat Graetz, der Nationaljude, seinem Volke ein monumentales Denkmal gesetzt, das in sich Risse und Sprünge aufweisen mag, als Ganzes aber doch von unvergleichlicher Pracht bestehen bleibt. Berlin-Halensee Josef Meisl *) Israelit 1872 Nr. 27, 1873 Nr. 9, Allgemeine Zeitung des Judentums 1872 Nr. 28, i%73 Nr. 21; Neuzeit 1872 Nr. 28, 33; Israelitische Wochenschrift Nr. 27, 33, 1873 Nr. 23, 1^75 Nr. 12; verschiedene Korrespondenzen in „Chabazeleth", „Iwri Anochi,', „Hameliz", „Hazeflrah", „Hamagid" aus den Jahren 1872/73 und ungedruckte Materialien sowie Mitteilungen von Herrn Professor Dr. Bloch. **) Unveröffentlichte Materialien; Mitteilungen von Herrn Zitron in Wilna; Hameliz 1885 Nr. 2, 1891 Nr. 287. ***) Bulletin de F Alliance Israelite Universelle 1878 f) Blumenlese neuhebräischer Dichtungen „Leket schoschanim" Breslau 1862. tt) Bloch, a. a. 0. S. 314. fff) Historie Parallels etc.