Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Graetz und das nationale Judentum
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 475 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Graetz und das nationale Judentum Und doch trennt Graetz von uns noch eine ganz beträchtliche Spanne. Seine Konsequenz reichte jedenfalls nicht bis zur Anerkennung einer unverbrüchlichen Solidarität des Judentums. Wohl hören wir aus seinen Worten manchmal eine leise Ahnung jenes Gemeinschaftsgefühls, so, wenn er die Julirevolution begrüßt, weil durch sie „der Grenzpfahlpatriotismus, welcher die Forderung stellte, daß der deutsche Jude vor allem ganz Deutscher, der französische Franzose sei, und so durch ganz Europa und die übrigen Erdteile, einen Stoß erhielt"*), aber er selbst, als ein echter Sohn seiner Zeit, hat nicht auf die verschiedentlichen Judentümer verzichten können und sich vor allem von den russischen und polnischen Juden durch eine unübersteigbare Mauer getrennt gefühlt. Er schätzte zwar manche ihrer Tugenden, ihren Geist und Witz und kam ganz enthusiasmiert von seiner galizischen Reise, die er zur Propaganda für das Waisenhaus in Jerusalem unternommen hatte, zurück, aber er betrachtete sie schließlich doch mit den Augen des deutschen Juden, der die Kultur gepachtet zu haben wähnt. Dazu kam, daß viele Erscheinungen, welche das Leben der Ostjuden charakterisieren, so abseits von der Linie des offiziell patentierten Rabbinismus deutscher Couleur lagen, daß sie zu leicht das Gefühl der Fremdheit und Wesensverschiedenheit erwecken konnten, zu denen auch einem so warmfühlenden Juden wie Graetz die Brücke fehlte. So sah er bei den Chassidim nichts als ein „Verdummungssystem", spottete über die „kniffige, witzelnde Methode" der polnischen Talmudlehrer, bezeichnete ihr Denken als „verkehrt", ihre Sprache als eine „häßliche Mischsprache", „ein widriges Lallen und Stammeln", ein „Kauderwelsch"**), warf ihnen vor, daß sie den Sinn für alles „Einfache und Wahre" verloren hätten,, daß sie im Zeitalter „Descartes' und Spinozas, als die drei zivilisierten Völker Franzosen, Engländer und Holländer dem Mittelalter den Todesstoß versetzten, ein neues Mittelalter über die europäische Judenheit gebracht" hätten, das zum Teil noch tief bis ins 19. Jahrhundert fortdaure.***) Selbst von den zeitgenössischen Kulturströmungen unter den russischen Juden nahm Graetz keine Notiz, obwohl er gelegentlich behauptete, mit ihnen vertraut zu sein. So meinte er z. B. über J. B. Levinsohn: „Schriftstellerei, wenn sie nicht auf größere Kreise anregend wirkt, ist noch kein historisches Moment"t). Hier ging Graetz der Faden aus, und* er wurde zum Parteimann, der ganz wie gewisse moderne Wettverbesserer in unserer Mitte über die polnisch-russische Judenheit von der höheren Warte zu Gericht sitzt. Und noch ein Wesentliches scheidet Graetz von der zionistischen Theorie. Er fühlte sich trotz seines tiefen jüdischen Empfindens keineswegs als Jude schlechthin, sondern auch als Nationaldeutscher. Und man darf mit einigen Einschränkungen sagen, daß für ihn die moderne Parteiformel galt: in jüdischen Dingen *) Geschichte Band XI Seite 457. **) Geschichte Band X Seite 59, 297, Band XI, Seite 41, Briefe an Dr. Skomorowsky in Kiew in „Hamagid" 1885 Nr. 5; aus diesem Grunde lehnte G. eine Übersetzung seiner Geschichte ins Jiddische ab. „Gegen eine Übersetzung meiner Volkstümlichen Geschichte der Juden im jüdischen Jargon — so schrieb er — muß ich entschieden Einspruch erheben. Ein Jargon ist eine große Schmach für eine Volksklasse. Ich sage mit Rabbi Jehuda Hanassi? rw ]wb W Wipn |wV *n ntb WO )wb Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Dr., eine solche Schändung meiner Geschichte zu verhindern." ***) Geschichte Band X Seite 74/75 f) Briefe an Dr. Skomorowsky a. a. 0.