Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Graetz und das nationale Judentum
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 474 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Josef Meisl: gefühl oder Adelsstolz, sondern aus dem überwältigenden Pflichtgefühl, damit das Wunder des Fortbestandes unseres Volksstammes sich fortsetze und sichtbar sei".*) Nur scheinbar deckten sich diese Thesen mit dem Inhalt apologetischer Predigten: sie basierten doch auf einer ganz anderen Grundstimmung und führten zu größeren Konsequenzen. Graetz faßte nämlich das Judentum durchaus als eine nationale Einheit auf, die freilich, um nicht mit modernen Begriffen völlig identifiziert zu werden, näherer Erläuterungen bedarf. „Das Judenthum ist in strengem Sinne gar nicht Religion, wenn man darunter das Verhältnis des Erdensohnes zu seinem Schöpfer und seine Hoffnungen für seine hieniedige Lebensrichtung versteht — sondern es ist in diesem Sinne ein Staatsgesetz. — Die Thora, die israelitische Nation und das Heilige Land stehen in einem, ich möchte sagen, magischen Rapport, sie sind durch ein unsichtbares Band unzertrennlich verknüpft. Das Judenthum ohne den festen Boden des Staatslebens gleicht einem innerlich ausgehöhlten, halbentwurzelten Baume, der nur noch in seiner Krone Laub treibt, aber nicht mehr imstande ist, Äste und Zweige schießen zu lassen. — Ihr könnt das Judenthum einem Sublimierungsprozeß unterwerfen, aus der Fülle seines Inhaltes moderne Gedanken extrahieren, und diesen Extrakt mit bedeutendem Wortgeklingel, mit brillanten Stichwörtern als den eigentlichen Kern des Judenthums ausposaunen, ihr mögt für dieses sublimierte, idealisierte Judenthum in euch eine Kirche erbauen und ein Glaubensbekenntnis votieren, so habt ihr doch nur einen Schatten umarmt, und die trockene Hülse für die saftige Frucht genommen. Ihr besitzt weder das Judenthum, wie es die Schrift in unzweideutigen Buchstaben lehrt, noch das Judenthum, wie es die dreitausendjährige Geschichte, noch das Judenthum, wie es in der Überzeugung der Majorität seiner Bekenner unerschüttert lebt."**) Nicht nur für die biblische Zeit, auch für das Exil vindizierte Graetz dem Judentum den nationalen Charakter. Seine Geschichte ist keineswegs „eine bloße Religion- oder Kirchengeschichte, weil sie nicht bloß den Entwicklungsverlauf eines Lehrinhaltes, sondern auch einen eigenen Volksstamm zum Gegenstand hat, der zwar ohne Boden, Vaterland, geographische Grenze und ohne staatlichen Organismus lebte, diese realen Bedingungen aber durch geistige Potenzen ersetzte. Über die kultivierten Erdteile zerstreut, und sich an den gastlichen Boden fest anklammernd, hörten die Glieder des jüdischen Stammes doch nicht auf, sich in Religionsbekenntnis, geschichtlicher Erinnerung, Sitte und Hoffnung als einheitliches Wesen zu fühlen . . . Der jüdische Stamm fühlte, dachte, sprach und sang in allen Zungen der Völker, welche ihm herzlich oder engherzig Gastlichkeit boten, aber er verlernte seine eigene Sprache nicht, sondern liebte, bereicherte und veredelte sie nach Maßgabe der Kulturstufe, die er mit der Gesamtmenschheit erklommen hat. . ."***) Deutlicher kann ein moderner Zionist das nationale Wesen des Judentums nicht betonen. *) Aus der anonym erschienenen Schrift von Graetz „Briefwechsel einer englischen Dame über Judentum und Semitismus" Stuttgart 1883; über diese sehr interessante Schrift Näheres in meinem Buche. **) „Die Konstruktion der jüdischen Geschichte" in Frankels Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums 1846 Seite 88/89 ***) Einleitung zum V. Bande der Geschichte.