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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 473

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Graetz und das nationale Judentum
Date
1920-01-01
Page
473 (sequence 3)
Language
German
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Graetz und das nationale Judentum 473 im Auftrage der österreichischen Polizei", Israel Jakobson, welcher kein Gefühl hatte, „für das Beschämende und Lächerliche, das darin lag, der ergrauten Mutter den schimmernden Plunder der Tochter umzuwerfen, der sie mehr entstellte als zierte*', die Euchels, Lowes, Herzs, Kleys, Holdheims usw., kurz gegen alle jene, die Heine maliziös „Hühneraugenoperateure des Judentums" nannte, die nicnt mehr „die Kraft haben, einen Bart zu tragen, zu fasten, zu hassen und zu dulden"*). Eine Welt schied Graetz von der Reform, aber auch auf die Orthodoxie Hischscher Observanz war er nicht gut zu sprechen. Besser gesagt, diese wollte von ihm und der Breslauer Richtung nichts wissen. Sie verzieh ihm und Frankel niemals, daß so viele Schüler des Seminars die von den Lehrern gepredigte „goldene Mittelstraße" verließen und sich dem „Liberalismus" mit Haut und Haaren verschrieben hatten, daß Graetz an die Bibelkritik sich heranwagte und in die Irrgänge dieser „luftigen Hypothesen und abenteuerlichen Konjekturen sich verstrickte", die Göttlichkeit der Thora anzweifelte, und auch zur späteren Literatur und Entwicklung des Judentums keine einwandfreie Stellung nahm**). In dem Preßprozeß, der sich an den in Wertheimers „Jahrbuch für Israeliten" (1863/64) erschienenen Aufsatz „Die Verjüngung des jüdischen Stammes" knüpfte, fand diese Gegnerschaft deutlichsten Ausdruck, obgleich Graetz selbst mit der Sache gar nichts zu tun hatte. Die Unterstellung, daß die Verkündigungen des Deuterojesaias unmöglich sich auf einen persönlichen Messias, sondern nur auf das ganze Volk beziehen könnten, hatte nicht nur nach Ansicht der Wiener Staatsanwaltschaft, sondern auch der rabbinischen Zionswächter „die Messiaslehre der orthodoxen jüdischen Kirche geschmäht, verspottet und herabgewürdigt"***). Man begreift den Zorn dieser „jüdischen Tartüffe", von solchen Lehren ihre Kreise gestört zu sehen, und den Wunsch, eine so unbequeme Richtung mit allen Mittelchen zu unterdrücken, die ihnen im Gefühle ihrer Ohnmacht erlaubt erschienen. So kann man ohne Gewalt Graetz weder den Nurorthodoxen, noch den Nurliberalen zurechnen. Sein jüdisches Empfinden lag jenseits der konventionellen Parteischablone, oder wie er sich ausdrückte „der Buntscheckigkeit der jüdischen Konfessionen". Ihm war das Judentum zwar Religion, aber doch in einem sehr weiten, die Grenzen der Durchschnittsauffassung überragenden Sinnet). Er war erfüllt von dem jüdischen Ideal jener Ethik, die es verhinderte, daß die Kultur der Totengräber des Judentums wurde, und es befähigte in dreitausendjähriger zäher Existenz die Kraft der Rasse rein zu erhalten. Die Lücke, die in der Welt entstünde, wenn die Judenheit und das Judentum von der Bildfläche verschwänden, zu vermeiden, müsse jeder Jude und jede Jüdin als heilige Aufgabe betrachten, damit der „Faden, der sie mit der mehr tausend jähr igen Ahnenreihe verknüpft, nicht abreiße, nicht etwa aus einem gewissen Trotz oder falschem Ehr- *) Geschichte Band XI passim. **) Israelit 1891 Nr. 74. ***) Allgemeine Zeitung des Judentums, Israelit, Neuzeit, Jeschurun 1863/64, vgl. auch Zlocisti im „Brünner Jüdischen Volkskalender" 1903/04 Seite 115/124. f) Graetz „The Significance of Judaism for the Present et Future" in Jewish Quarterly Review 1889/90.

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