Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Graetz und das nationale Judentum
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 472 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Josef Meisl: weniger zu schreiben als zu erleben. Diese die wissenschaftliche Leistung naturgemäß beeinträchtigende Fähigkeit ist die Quelle der unbestrittenen Vorzüge des Werkes, das eben nicht als Gelehrtenarbeit, als ein Herbarium, wie etwa die Jostsche Geschichte, gewertet sein will. Mehr als jede andere Richtung hat das national orientierte Judentum Ursache dies zu unterstreichen, und wenn bisher fast nur dem Geschichtsschreiber Graetz die allgemeine Aufmerksamkeit galt, so ist es vielleicht an der Zeit, auch über den Juden Graetz ein Wort zu sagen. In frommem Elternhause, nach traditioneller Weise erzogen, hat Graetz Zeit seines Lebens den unveränderlichen religiösen Grundcharakter des Judentums streng betont und selbst von dem Zeremonialgesetz kein Tüttelchen abgelassen. Zweifel und Abirrungen haben wohl auch seine Seele schon als Knabe beschlichen*), aber niemals haben sie bei ihm dauernde Wirkungen gezeitigt, niemals ihn von dem Pfade der Gläubigkeit und tieferen religiösen Empfindens abzuleiten vermocht. Ben Usiels (Samson Rafael Hirschs) „19 Briefe über das Judentum'1 (Iggarot Zafon) wurden dem jungen Manne das Evangelium, das ihm eine neue Erkenntnis offenbarte und seine Seele gegen alle seichte Aufklärerei feite**). Die Vertiefung in das Profanstudium führte bei ihm nicht zur Abkehr vom Jüdischen wie bei den meisten Aufklärern, und er blieb ein geschworener Feind jenes „modern" sich dünkenden Getues, das das Judentum in blinder Nachäfferei gewaltsam in das Prokrustesbett einer Kirche einengen wollte. Während seiner Studienzeit hatte er gelegentlich des Streites zwischen Geiger und Tiktin mit unzweideutiger Offenherzigkeit die Partei der Antireformer ergriffen und in zahlreichen Korespondenzen die Schale seines ätzendes Spottes über den von einem „achtbaren jüdischen Geistlichen, dessen Vorträge immer reicher mit Medisancen gegen anders gesinnte Renommeen, welche nicht gut auf der Kanzel abgeschlachtet werden können, gewürzt sind", ins Leben gerufenen „Lese- und Lehrverein", über die „Stockneologen", über die Karikatur des Reformgottesdienstes mit dem „durch Synagogenbüttel überwachten Schweigesystem", über die „neue Agende", das Verhalten des Rabbinerstandes in der Kasualfrage und dergleichen Errungenschaften des neuen Geistes ergossen.***) In der Hoffnung, auf diesem Wege befruchtende Keime in das Judentum zu tragen, hatte er sich mit Zacharias Frankel, Oberrabbiner in Dresden, zu einem freilich mißglückten Versuche der Organisierung der „gemäßigteren" Elemente des deutschen Rabbinerstandes zusammengetan, die einem auflösenden Reformgeiste ein Gegengewicht bieten sollten. Den vollen Zorn seines flammenden Temperaments aber ließ er gegen die Mendelssohnsche Schule los, die er mit Vorwürfen und Schmähungen, für die ihm kein Wort zu stark ist, überschüttet. Der ganze elfte Band der Geschichte ist ein einziger Protest gegen die Reform und ihre Anhänger, David Friedländer, den „Affen Mendelssohns", Herz Homberg, „Religionsbuchverfertiger *) Näheres bei Bloch „Heinrich Graetz. Ein Lebensbild" in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1904 (auch separat und als Einleitung znr 2. Auflage des ersten Bandes erschienen), Abrahams „Heinrich Graetz the Jewish Historian" in Jewish Quarterly Review 1892; Rippner „Zum 70, Geburtstage des Professors Heinrich Graetz" in Brülls Populär-wissenschaftlichen Monatsblättern 1887. **) Bloch a. a. 0. Seite 90/91 mit den Aufzeichnungen aus dem Tagebuche. ***) Orient 1843 Seite 391/92, 1844 Seite 171/173, 179/81, 203, 232/34, 257, 283, 356.