Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 470 (sequence 7)
- Language
- German
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470 Abraham Korkis: Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien zwei Richtungen, einerseits von Dorf und Marktflecken zum großen Teil innerhalb desselben Bezirkes in die Städte, und zwar in die aufstrebenden Städte mit wachsender industrieller Betriebsamkeit und andererseits über die Grenzen des Landes, hauptsächlich über die See. Seit dem Jahre 1891 sind so über 8000 Juden aus den Dorfgemeinden abgewandert. An der Auswanderung über die Landesgrenzen nahmen in Westgalizien in dem Zeitraum 1880 —1889 über 23 500, in dem Zeitraum von 1891—1900 25700 und im Zeitraum 1901—1910 14500 Juden teil,- wobei die Abnahme der Auswanderung in dem letzten Jahrzehnt nach den zutreffenden Ausführungen Dr. Weinfelds (a. a. 0. S. 15) nur als scheinbar angesehen und durch den Umstand erklärt werden kann, daß in diesem Jahrzehnt insbesondere seit dem Jahre 1905 zahlreiche russische Juden nach Westgalizien eingewandert sind, die vor der russischen Revolution und den Pogromen geflüchtet waren und deren Zahl auf die Herabsetzung der Auswanderungsziffer einwirken mußte. Es läßt sich vielmehr annehmen, das die jüdische Auswanderung aus Westgalizien im .letzten Dezennium nicht nur nicht zurückgegangen, sondern vielleicht sogar gestiegen ist. Auch in Ostgalizien, wo dreimal soviel Juden wohnen als in Westgalizien und wo 60 °/0 in den Städten und 40 °/0 auf dem Lande leben, lassen sich beide Richtungen der jüdischen Wanderbewegung konstatieren, sie weisen jedoch im Vergleiche zum Westen des Landes eine verschiedene Intensität auf. Wohl hat man es auch hier mit einer Abwanderung von Dorf und Marktflecken in die Stadt zu tun, doch tritt hier das Verlassen des Dorfes nicht mit einer solchen Stärke und so massenhaft auf wie im Westen. Hingegen ist in den Marktflecken eine bedeutend stärkere Wanderung zu verzeichnen, die im Dezennium 1891—1900 sogar einen Rückgang der absoluten Bevölkerungsziffer bewirkt hat. Die jüdische Auswanderung aus dem Osten über die Landsgrenzen zeigt für die letzten drei Dezennien folgende Ziffern 13089, 88300 und etwa 37700. Im letzten Dezennium hat die Auswanderung der Juden aus Ostgalizien tatsächlich abgenommen. Eine nennenswerte Verschiebung durch jüdische Zuwanderung wie in Westgalizien läßt sich hier nicht feststellen. Diese starke jüdische Auswanderung einerseits und die Zuwanderung der anderen Religionsbekenntnisse, namentlich des röm.-katholischen (der Polen), bilden eine hinreichende Erklärung für den erheblichen Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Ostgalizien. Der gegenwärtige Krieg und seine Begleiterscheinungen haben überdies die Reihen der jüdischen Bevölkerung, namentlich in Ostgalizien, noch mehr gelichtet. Abgesehen von den zahlreichen Verschleppungen in Feindesland sind viele Juden aus den an der russischen Grenze gelegenen Städten (ungefähr 160000) nach dem Hinterlande geflüchtet. Die Bedingungen, unter denen namentlich die in Barackenlagern untergebrachten Flüchtlinge leben, lassen befürchten, daß nicht viele von ihnen in die Heimat zurückkehren werden und daß diejenigen, welche werden durchhalten können, zumeist physisch und wirtschaftlich gebrochene Existenzen sein werden. In den geschilderten Siedlungsverhältnissen ist zum großen Teile die Erklärung für die Wanderung der Juden überhaupt und insbesondere für die oben behandelte Überseewanderung zu suchen. Um jedoch die jüdische Massenwanderung, dieses Ventil, durch welches die Bevölkerung unter wirtschaftlichem Drucke auf der Linie und in der Richtung des geringsten ökonomischen Wider-