Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 469 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien 469 stärkere Volkszunahme aufweisen als die kleineren oder Marktflecken. Der Zuwachs der städtischen Bevölkerung Westgaliziens beträgt etwa das Vierfache (78>5°/0) der ländlichen Bevölkerung (20,2%), hingegen ist die Zunahme der städtischen Bevölkerung Ostgaliziens (62,8 °/0) nicht einmal doppelt so stark wie die der Landbevölkerung (35,9 %)•!n beiden Landesteilen läßt sich eine stärkere Volksvermehrung in den an der Hauptverkehrslinie des Landes oder für die Entwicklung entsprechender Industriezweige günstig gelegenen Städten konstatieren, während die kleinen Städte oder Marktflecken namentlich im Osten einen nur sehr unbedeutenden Bevölkerungszuwachs und sogar einen Rückgang aufweisen. In beiden Landesteilen tritt, in wesentlich stärkerem Grade namentlich im letzten Jahrzehnt, nicht nur eine stetig zunehmende Abwanderung aus den Dörfern, sondern auch eine ziemlich bedeutende Auswanderung aus den Marktflecken auf. Die Siedlung der Juden inmitten der Bevölkerung des Landes zeigt nun zwei hervorstechende Merkmale: einerseits den bereits erwähnten Zug nach der Stadt, andererseits aber die allmähliche Verdrängung durch die übrige Bevölkerung, Im Jahre 1880 waren von den 686596 in Galizien gezählten Juden rund 413000, d. s. 6o°/0> in den Städten zusammengedrängt. Während sie ii,52°/0 der Gesamtbevölkerung ausmachten, bildeten die in den Städten ansässigen Juden 4O°/0 der städtischen Bevölkerung überhaupt. Im Volkszählungsjähre 1910, in dem 871895 Juden anwesend waren (10,87% der Gesamtbevölkerung), wohnten 55*556, d. s. über 63%, in den Städten, wo sie 34,5 pro mille der städtischen Bevölkerung bildeten. Zieht man die Siedlungsverhältnisse der jüdischen Bevölkerung im Westen und im Osten des Landes getrennt in Betracht, so findet man, daß das städtische Element unter den Juden in Westgalizien schwächer vertreten ist als in Ostgalizien. So bilden die Juden z. B. im Jahre 1910 in Westgalizien 28 °/0, in Ostgalizien hingegen 37,8 °/0 der städtischen Bevölkerung. Der Tendenz der Zusammendrängung der Juden in den Städten entpricht ihr geringer Anteil (kaum 5 °/0) an der Landbevölkerung. Bei der Betrachtung dieser Siedlungsverhältnisse zeigt sich indes, daß die jüdische Bevölkerung von der übrigen Bevölkerung des Landes allmählich verdrängt wird. Während die städtische Bevölkerung im Lande (in den drei Dezennien 1880—1910) von i7°/0 auf ungefähr 20°/0 gestiegen ist, zeigt sich bei den Juden ein Rückgang jin Westgalizien von 32,3 °/0 auf 28%, in Ostgalizien von 44°/0auf 37,8 °/0. Diese Zurückdrängung greift aber auch auf die Dorfbewohner über, indem der Anteil der Juden an der Landbevölkerung in den drei Dezennien von 1880—1910 Von 5,5 °/o auf 4>9°/o gesunken ist. Vergegenwärtigt man sich, was bereits hervorgehoben worden ist, daß der natürliche Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in Galizien dank der geringen Sterblichkeit mit 19,6% und 18,5% denjenigen der übrigen Bevölkerung des Landes übertrifft, daß jedoch die festgestellte wirkliche Bevölkerungszunahme bei den Juden hinter derjenigen der übrigen Landesbewohnsr zurückbleibt, so leuchtet wohl ein, daß — abgesehen von dem bereits gekennzeichneten stetigen Geburtenrückgänge — diese Erscheinung durch eine starke und im [allgemeinen wachsende Wanderbewegung der Juden zu erklären ist.' Die Wanderung der Juden bewegt sich nun namentlich in Westgalizien nach