Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 468 (sequence 5)
- Language
- German
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468 Abraham Korkis: beruflichen Struktur der Auswanderung. Die Belastung der jüdischen Auswanderung mit erwerbsunfähigen Personen läßt sich nur unter dem Gesichtspunkte einer dauernden Übersiedlung ohne Rückwanderungsabsicht begreifen. Die berufliche Zusammensetzung der jüdischen Auswanderung weist einen hohen Anteil von beruf losen Familienangehörigen, von gelernten Arbeitern (hauptsächlich Kleidermachern, doch auch Hutmachern, Drechslern, Uhrmachern u. dgl.), allerdings auch einen Anteil von deklassierten städtischen Elementen, Hausierern, Maklern auf. Im großen und ganzen kann man behaupten, daß die jüdischen Überseewanderer in bezug auf die berufliche und soziale Stellung sich mehr dem Typus der aus Westeuropa einwandernden Elemente als der aus ihrer engeren Heimat kommenden nähern, wohl ein ziemlich beredter Beweis für die Eigenartigkeit der Ursachen der jüdischen Auswanderung aus Galizien. Die tieferen Ursachen der starken jüdischen Auswanderung aus Galizien liegen in den eigentümlichen Siedlungs- und Erwerbsverhältniasen der Juden in diesem Lande. 4- Das charakteristische Merkmal der jüdischen Siedlung bildet deren Konzentrierung in immer engeren Kreisen. Von sämtlichen Juden des österreichischen Staatsgebietes wohnen über 2/3 in Galizien, hiervon wieder über 3/4 in Ostgalizien. In Galizien selbst bemerkt man bei den Juden einen starken „Drang nach der Stadt", eine Anhäufung namentlich in den größeren Städten. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß diese Konzentrierung der Juden in den Städten, ihr kompaktes Zusammenleben von nicht geringer sozialer, politischer und kultureller Bedeutung ist, wie sie Jakob Leszczyriski in seinem sehr geistreichen Aufsatze „Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens" (insbesondere in Heft 5 dieser Zeitschrift S. 298 ff.) für die allerdings von den galizischen vielfach verschiedenen russisch-jüdischen Verhältnisse mit beredten Worten auseinandergesetzt hat. Allein die Zusammendrängung der Juden in den Städten zeitigt im Zusammenhalt mit deren Erwerbstätigkeit, wie weiter unten näher ausgeführt werden soll, wirtschaftliche Wirkungen, welche nichts weniger als vorteilhaft sind. Um die Bedeutung der Siedlungsverhältnisse für die wirtschaftliche Lage der Juden entsprechend würdigen zu können, erscheint es notwendig, die Zusammensetzung der städtischen Bevölkerung des Landes überhaupt einer etwas eingehenderen Betrachtung zu unterziehen*). Bekanntlich gehört Galizien zu den Ländern, in denen die landwirtschaftliche Betätigung der Bevölkerung vorherrscht. Gleichwohl läßt sich feststellen, daß das Land allmählich seinen ausschließlich agrarischen Charakter verliert und daß die städtische Bevölkerung ein viel rascheres Tempo des Wachstums gegenüber der ländlichen aufweist. Während jene nämlich in dem 30jährigen Zeitraum von 1880—1910 von 17,1% .bis 19,8 °/0 somit auf ungefähr 1jb wächst, sinkt die letztere gleichzeitig von 82,9 °/0 auf 80,2%. Hierbei zeigt sich, daß die Entwicklung der städtischen Bevölkerung in Westgalizien viel rascher vor sich geht als in Ostgalizien, daß aber hier wie dort die größeren Städte eine *) Siehe Dr. Ignaz Weinfeld: Die städtische Bevölkerung Galiziens und deren konfessionelle Zusammensetzung 1881—1910, Lemberg 1912 (Statistische Mitteilungen über die Landesverhältnisse hg. vom Landesstatistischen Bureau, Bd. 24 Heft 2) polnisch.