Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 467 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien 467 zu weit führen. Eine Erscheinung indes, die Wanderbewegung, darf bei einer Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse nicht unberücksichtigt bleiben, da die Auswanderung ein unvermeidliches Korrektiv und gleichzeitig ein wichtiges Merkmal der ökonomischen Lage der Bevölkerung bildet. Insoweit die Wanderbewegung mit den Siedlungsverhältnissen unmittelbar zusammenhängt, soll sie weiter unten bei der Betrachtung der letzteren zur Darstellung gelangen. Hier möge die Auswanderung, und zwar die Überseewanderung, als für die Beurteilung der Wirtschaftslage der Juden wichtiges demographisches Moment besonders hervorgehoben werden. Stellt man die Ziffern des natürlichen Zuwachses der Bevölkerung, nämlich des Überschusses der Lebendgeburten über die Sterbefälle, den Ziffern der tatsächlich ermittelten Bevölkerungszunahme gegenüber, so ergibt sich aus einer Verminderung der natürlichen Zuwachsquote die Stärke der Auswanderung der Bevölkerung. Auf diese Weise konnte berechnet werden, daß die jüdische Bevölkerung in Galizien in den drei Dezennien vom Jahre 1881 bis 1910 ungefähr 36660, 114000 und 88280, zusammen ungefähr 239000 Personen durch Auswanderung verloren hat. Die Stärke dieses Verlustes läßt sich ermessen, wenn man ihn mit der Auswanderungsbewegung der Gesamtbevölkerung des Landes vergleicht. Während die Gesamtbevölkerung im Laufe des bezeichneten Zeitraumes über io°/0 des gegenwärtigen Bevölkerungsstandes verloren hat, übersteigt der Verlust der jüdischen Bevölkerung in diesem Zeiträume 27°/0 des gegenwärtigen Standes, und während die Zahl der anwesenden jüdischen Bevölkerung gegenwärtig nicht einmal n°/0 der Gesamtbevölkerung erreicht, beträgt der durch Auswanderung herbeigeführte Verlust der jüdischen Bevölkerung nahezu ein Drittel (28 °/0) der allgemeinen Auswanderung. So ist es im Zusammenhang mit der Erscheinung des Geburtenrückganges bei den Juden Galiziens durch die Auswanderung, namentlich durch die Überseewanderung, der galizischen Juden zu erklären, daß deren Zahl im Laufe der letzten 30 Jahre abgenommen hat. Im Jahre 1880 bildeten sie 11,52 °/0 der Gesamtbevölkerung des Landes, im Jahre 19x0 nur mehr 10,87 °/0. Bei einer gesonderten Betrachtung West- und Ostgaliziens findet man einen Rückgang dort von 8 auf 7>9°/o> hier von 13,4 auf 12,3 °/0. Ein Vergleich mit dem Volkszählungsjahre 1869 ergibt, daß die jüdische Bevölkerung in Galizien seit jener Zeit im allgemeinen stationär geblieben ist. Schon die Tatsache dieses Rückganges und einer so starken Auswanderung der jüdischen Bevölkerung läßt darauf schließen, daß die Lebens- und Erwerbsverhältnisse der Juden in Galizien ungünstig sein müssen. Auf diese Lebens¬ und Erwerbsverhältnisse im Lande wird später näher eingegangen werden. Hier sei nur zur Charakterisierung der jüdischen Auswanderung darauf hingewiesen, daß sie im Gegensatz zu der übrigen Bevölkerung des Landes? innerhalb deren die Saisonwanderung die Überseewanderung bedeutend überwiegt, im Wesen nicht darauf abzielt, vorübergehend im Auslande eine Erwerbsquelle zu finden, um das °pfer einiger Jahre ein Kapital zu erwerben, mit dem sie zurückkehren und ihre Wirtschaft wiederaufrichten und erweitern könnten, sondern sie bedeutet in der Regel eine vollständige, dauernde Verlegung des Wohn- und Standortes. Es erhellt dies einerseits aus dem hohen Prozentsatz von Frauen und Kindern und von älteren Personen unter den jüdischen Auswanderern, andererseits aus der 31*