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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 466

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
Date
1920-01-01
Page
466 (sequence 3)
Language
German
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466 Abraham Korkis: Vielfach ist die Meinung verbreitet, daß die Juden namentlich in Galizien sich durch eine außerordentlich starke Volksvermehrung auszeichnen. Insbesondere wird auf den verhältnismäßig hohen natürlichen Bevölkerungszuwachs, den aus dem Vergleich der Lebendgeburten und Sterbefälle hervorgehenden Geburtenüberschuß bei den Juden hingewiesen und diese Erscheinung als positives Kraftmoment für den wirtschaftlichen Wettkampf in Rechnung gestellt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, daß der Geburtenüberschuß nicht der höheren und steigenden Ziffer der Lebendgeburten, sondern vielmehr der geringen Zahl der Sterbefälle unter den Juden, einer sonst gewiß erfreulichen und für die sorgsame Gesundheitspflege der Juden zeugenden Tatsache zu verdanken ist, daß aber seit einiger Zeit sogar ein beträchtlicher Geburtenrückgang bei den Juden Galiziens festgestellt werden kann. Der Umstand, daß die Juden dieses Los mit den meisten Völkern Europas namentlich Westeuropas teilen, legt die Vermutung nahe, daß der Geburtenrückgang ähnlich wie bei den westeuropäischen Völkern als eine Begleiterscheinung wirtschaftlichen Fortschrittes, der Aufklärung und der Industrialisierung anzusehen sei. Erwägt man jedoch, daß die verminderte Geburtenfrequenz der Juden inmitten fruchtbarer slawischer Volksstämme auftritt, daß die Geburtlichkeit der Juden in Galizien seit einiger Zeit stetig sinkt und z.B. in den Jahren 1895 bis 1910 von 41,6 auf 31,8 pro mille zurückgegangen ist*) und daß — wenn man die analogen Verhältnisse im ganzen Staatsgebiete und in Böhmen und Mähren mit 27 pro mille und unter 13 pro mille zum Vergleiche heranzieht — mit ähnlichen Abstürzen und sogar mit einem Sterbeüberschuß für die Zukunft, also mit einer Abnahme der natürlichen Produktivität, einer passiven Lebensbilanz gerechnet werden muß, so findet man, daß die beobachtete Erscheinung vielmehr mit den Siedlungs- und Erwerbsverhältnissen der Juden, dem bei ihnen vorwiegenden Stadtleben, dem Mangel an Landbewohnern und Arbeitern und den hierdurch verursachten ungünstigen Lebensbedingungen zusammenhängt. Zwar kann man den Geburtenüberschuß der Juden noch immer reichlich, die Säuglingssterblichkeit und Totgeburtenzahl mäßig und den Aufwuchs also noch immer ausreichend nennen, aber der Umstand, daß die Juden — wie sich bei einem Vergleich mit der übrigen Bevölkerung ergibt — im Geburtenrückgänge voranschreiten, muß ernste Bedenken erwecken. Hält man sich überdies vor Augen, daß die Juden in Galizien infolge des gegenwärtigen Krieges eine außerordentlich große Einbuße an Menschen im reproduktiven Alter erlitten haben, so wird man die Befürchtung nicht unterdrücken können, daß die Volkszahl, dieser Boden, aus dem die wirtschaftliche Betätigung herauswächst, sich beträchtlich vermindert hat, daß die Volkskraft erschüttert ist und daß bei Wiederkehr des Friedens nur verhältnismäßig wenige auf die Arena des großen wirtschaftlichen Wettbewerbes treten können. 3- Außer der soeben gekennzeichneten Erscheinung würden für die Beurteilung der Lebensbedingungen der Juden noch andere Momente der Entwicklung und Bewegung der Bevölkerung wie insbesondere die Zahl der Eheschließungen, die Altersverteilung u. dgl. in Betracht kommen. Doch würde deren Behandlung hier *) Siehe Dr. Peter Galasso: Der Geburtenrückgang in Österreich (Statistische Monatsschrift 1913). Dr. Wilhelm Hecke: Die Verschiedenheit der deutschen und slawischen Volks - Vermehrung in Österreich 1916.

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