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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 463

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
463 (sequence 7)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 463 Da das Lernen beim Ostjuden keinen materiellen Nebenwert hat, und der hohe sittliche Wert und der große empfundene moralische Nutzen schon im „Lernen" an sich liegt, so erklärt sich daraus der Umstand, daß das Studium der Thora mit dem Verlassen der Schule nicht aufhört, sondern bis in das späteste Alter, ja bis zum Tode fortgesetzt wird. Es kommen sogar Fälle vor, daß Leute,. die verschiedener Verhältnisse halber in der Jugend nicht die Gelegenheit hatten, sich im Wissen zu vervollkommnen, erst im späteren Alter, sobald sie zu Vermögen gekommen sind, sich einen Melamed aufnehmen und mehrere Stunden im Tage dem Talmudstudium widmen. Es gehört nicht zu den Seltenheiten, daß ein solcher Bürger, der früher über weniges Wissen verfügte, erst in späteren Jahren es zu einer respektablen Gelehrsamkeit bringt. Es ist eben die Thora, aus der er die höchsten seelischen Freuden und die sittliche Kraft schöpft, die seinem Dasein den festen Halt verleiht. In freien Stunden „in a sefer areinkiken" gehört zu den größten Vergnügungen des Ostjuden. Der Ostjude „lernt" sein Leben lang. Rührend ist der Anblick, wie selbst die Alten, nach des Tages Mühen, am Abend im Bet-hamidrasch oder in einem andern Bethause zusammenkommen, wo sie sich nach dem Abendgebete um Tische gruppieren und dem Vortrage eines sogenannten „Maggid" voll Interesse und Wissensdurst unter Anspannung aller geistigen Kräfte lauschen. Der behandelte Gegenstand ist, je nach dem Wissensgrade der Gruppe, verschieden. Zumeist wird hier der Wochenabschnitt des Pentateuchs samt Kommentaren, Agadah (Ejn Jakob und Midrasch) sowie Abschnitte aus ethisch-philosophischen Werken (Bachjah ibn Pakudas „Chobot Halbabot"), manchmal auch in Berücksichtigung kabbalistischer Ideen, vorgetragen und erläutert. Die gebildeteren Elemente, die „Lamdanim", gruppieren sich gesondert, wo abwechselnd jedes Glied aus der Gruppe einen Abschnitt aus dem Talmud nebst Kommentaren vorträgt und darüber die Diskussion einleitet. Die Gruppe ist nicht geschlossen, es kann jeder, selbst wenn er der Diskussion nicht folgen kann, sich nach Belieben hinsetzen und lauschen. Mit dem Lernen der Thora dient man Gott. Der Ewige belohnt aber nicht den Grad des Wissens, er belohnt schon die gute Absicht und den Willen, Thora nach bestem Können und geistigen Anlagen zu lernen. Das Lernen eines einfachen Bibelabschnittes oder das fromme Lesen eines Psalmes (Thilim sugen) durch den einfachen Mann ist Gott ebenso lieb und teuer, wie die diffizilen und verwickelten Diskussionen (Pilpulim) der geistreichen großen Lamdanim. Ein jeder lernt eben, was er kann und wieviel er kann. Alles ist Thora, und bei allen diesen Gruppen ist Gott selber zugegen (Abot 3). An einem besonderen Tische lernen dann die „Bachurim", das sind studierende Jünger, welche noch die Jeschibah besuchen und sich für das Pensum des folstadt Narol in Galizien) unterhielt einen Cheder von seinem 18. bis zu seinem 75. Lebensjahre. Und als er in seinem 75. Lebensjahre den Tod nahen sah und nicht mehr Kraft hatte, den Unterricht fortzusetzen, fuhr er nach Palästina, wo seine Asche in der heiligen Hrde Safeds ruht. (Siehe meinen Aufsatz „Safed" in „Die Welt", Jahrg. XIV, Nr 29 vom 21. Juli 1910). Mit Wehmut und tiefer Verehrung gedenke ich hier meines Lehrers R. Chaim Pojlischer (er stammte aus Zamosc in Polen, deswegen die Bezeichnung „Pojlischer"), der 49 Jahre lang an ein und demselben Tische unterrichtete und vor dem Tode bat, man möge ihm aus diesem Tisch einen Sarg zimmern. Der Tisch solle für ihn im jenseitigen Gerichte (Bet din schel maalah) Zeugnis ablegen, daß er stets nur zu Ehren Gottes die Jugend Thora gelehrt habe. Sein Wunsch wurde erfüllt.

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