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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 462

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
462 (sequence 6)
Language
German
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462 Samuel Rappaport: Das Studium der Thora und des jüdischen Schrifttums ist, je nach den geistigen Anlagen des Einzelnen, heilige, religiöse Pflicht eines jeden Juden. Das „Lernen*) " ist Selbstzweck. Deswegen ist ein Thorastudium zum Zwecke eines künftigen Erwerbs, etwa als Brotstudium, dem Ostjuden etwas Fremdes, ja sogar Widerwärtiges. Sagt ja schon der Talmud (Aboth 4): man dürfe die Thora „nicht zum Grabscheit machen, um mit ihr zu graben" (kardom lachpor boh) d. h. man dürfe die Thora nicht als Instrument zum Zweck eines materiellen Nutzens gebrauchen. Der Vater schickt sein Kind in die Schule bloß um „Thora lischmoh" (Thora als Selbstzweck) zu lernen, ohne irgend einen anderen praktischen Nebengedanken im Sinne zu führen. Nur sehr wenigen wird dann das Studium der Thora zum Lebensberuf als Rabbiner, Schächter und Lehrer, Melamed**). Ihr irdisches Dasein ist aber in der Regel nicht auf Rosen gebettet, und die meisten unter ihnen kämpfen zeitlebens mit Armut'und Entbehrung. *) Im Osten versteht man schlechtweg unter „Lernen" das Talmudstudium. „Er kann gut lernen", sagt man von einem, der ein tüchtiger Talmudist ist. Dieser wird als „Lamdan" bezeichnet. Ist jemand auch in der jüdisch-philosophischen Literatur bewandert, (und viele Lamdanim sind es auch), so sagt man von ihm, er sei zugleich ein „Chojker" (= choker Forscher). Einer, der zugleich auch schön Hebräisch zu schreiben versteht, wird „bal luschen" (— baal laschon Herr der [hebräischen] Sprache), genannt. **) Die Kategorie der „Melamdim" stellt einen besonderen Typus im ostjüdischen Leben dar. Die Melamdim sind zumeist Absolventen der Jeschibah, die, sei es daß sie keinRabbinat erlangen konnten, oder durch das unterbrochene „Kest-essen" (worauf ich noch später zurückkommen werde), oder durch Unbeholfenheit in praktischen Dingen ihre Mitgift verloren und sich, mit zahlreichem Kindersegen, vor die Not gestellt sehen, zum „Melimdis" (Unterrichterteilen) zu greifen. In einem ähnlichen Falle beschließen die Baale batim (Bürger), einem solchen ihre Kinder zum Unterricht zu geben. Man gründet ihm einen Cheder und er beginnt zu „knellen" („knellen" ist hier eine spezifische Bezeichnung für das Unterrichterteilen im Cheder). Der Lohn schwankt zwischen 60 und 100 Kronen per Kind und „Sman" (Halbjahr). Oft kommt es vor, daß die Stadt zu klein ist und schon genügend Melamdim am Ort vorhanden sind. Dann läßt der neue Melamed seine Familie zu Haus und begibt sich auf die Wanderung in eine größere Stadt, um dort einen Cheder zu begründen. Mitunter kommt es vor, daß ein bemittelter Bürger solch einen gut empfohlenen Melamed zu sich ins Haus nimmt und ihm außer Lohn auch Kost und Quartier gibt, damit er mit seinen herangewachsenen Söhnen „lerne". In der Regel aber fristet der zugereiste Melamed ein sehr bedauernswertes und kümmerliches Dasein. Den Cheder hat er gewöhnlich in einem Bethause oder in einer fremden Wohnung, deren Besitzer den ganzen Tag über nicht zu Hause sind. Er schläft fast immer auf einer harten Bank im Beth hamidrasch oder in der Klaus. Die ganze Woche über sieht er keine Fleischspeise und selten etwas Gekochtes, mit Ausnahme des Sabbats, an dem er gewöhnlich irgendwo zu Tisch geladen ist. Den Lohn für den Unterricht schickt er gewöhnlich an seine Familie zum Unterhalt, von welchem Gelde auch die Kinder ausgeheiratet werden. Seine Familie siefit er in der Regel bloß einmal im Jahre am Pessach, zu welchem Feste der Melamed gewöhnlich nach Hause fährt. Aber schon nach den ersten zwei Festtagen, am ersten Halbfeiertage kehrt er zu „Bein hasmanim" (d. i. Zwischenzeit: zwischen den Unterrichtshalb jähren) zurück. Er besucht dann Eltern und erfährt, welche Schüler weiter bei ihm bleiben, welche seinen Cheder verlassen und welche Eltern neue Schüler zu geben haben. Nur wenn der Melamed seiner Schüleranzahl für das kommende Halbjahr sicher ist, bleibt er während des ganzen Pessachfestes bei seiner Familie. Der Begriff Ruhe oder Ausschnauf en ist dem Melamed unbekannt. Die ganze Woche über lebt er im Unterricht der Schüler von früh bis in die Nacht. Am Sabbat begleitet er gewöhnlich die Schüler zum „Verhör". Trotz dieser elenden Lebensweise ist der Melamed immer froh und zufrieden. Man sieht zuweilen unter ihnen Heilige und Märtyrergestalten. Sie gehen in ihrem Berufe auf und finden darin ein unendliches Glück, zur Erhaltung der Thora beizutragen. Mein Lehrer R. Josef Müller (Jossei Naroler genannt nach seiner Vater-

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