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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 461

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
461 (sequence 5)
Language
German
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Aus dem religiösen Letien der Ostjuden bolen Israels und der Thora*). (Talmud Babli Traktat Soferim Abschnitt 14, Chagigah Blatt 15, Midrasch Schir haschirim Rabbah Abschnitt 6, Midrasch Wajikrah Rabbah 3b usw.). Hierauf beginnt die offizielle, früher einstudierte „Druscheh" (Drascha=gelehrte homiletische Bibeldeutung), die aus einem Dialog zwischen dem auf dem Tische stehenden Schüler und dem neben ihm stehenden neuen Lehrer besteht. In diesem Zwiegespräch fragt der Lehrer, und der Schüler beantwortet die an ihn gestellten Fragen. Der Inhalt dieses Dialogs ist immer ungefähr der folgende: Auf die Fragen des Lehrers an den Schüler, was für ein besonderer Tag denn heute eigentlich sei, was er lernen wolle und welchen Inhalt der Teil der Thora habe, mit dem er beginne, antwortet der Schüler u. a.: Von heute ab werde er Chumesch lernen, das ist die Thora, die Gott am Sinai dem jüdischen Volke gegeben. Er beginne die Thora mit dem Sefer Wajikrah (3. Buch Mosis), weil dieses Buch speziell mit dem „Din fin karbunes" (Din von Korbanot d. i. den Satzungen des Opferkultus) sich beschäftige. In diesem Buche der Thora werde gelehrt, wie ein frommer Jude seinem Gotte opfern solle „udom ki jakriw" (adam ki jakrib) . . . Wir hätten heute nicht das heilige Bet-hamikdasch (Tempel in Jerusalem) und keinen Misbeach (Altar), doch müßten wir heute noch lernen, als fromme Juden Gott und unserem Glauben nicht nur alles, was wir haben, sondern auch unser Leben zu opfern, und in Anbetracht dieses „Sechut" (Verdienst) werde bald der Messias kommen usw. Die Anwesenden und vornehmlich die Eltern und Großeltern lauschen freudig den Worten des jungen Thora-Kandidaten. Der Junge wird hierauf vom Tische gehoben, von allen Frauen abgeküßt und von den 'Gästen beschenkt. Sodann begibt man sich zur Tafel, auf der Speisen und Getränke von allerlei Art bereitstehen. Lehrer und Schüler nehmen neben dem Vater bzw. Großvater am oberen Tischteil Platz, während die Mutter und die anderen Frauen die Gäste bedienen. Bei Tisch wird gewöhnlich zu Ehren des Tages von gelehrten Gästen „Thora gesagt", d. h. geistreiche Erklärungen von Bibel- und Talmudstellen zum besten gegeben. Die Idee und Wertschätzung des Opferns nimmt jeder „Chumesch-Bucher" als heilige religiöse Tradition auf seinen Lebensweg mit. Das Wohltun (Zedakah) bleibt die wesentliche Charaktereigenschaft der jüdischen Seele, wo sie sich auch befindet. Es ist erstaunlich, wieviel Wohltätigkeit und wirkliche werktätige Nächstenliebe man selbst in der kleinsten und ärmsten jüdischen Gemeinde findet Fast ausnahmslos, in einer jeden Gemeinde, findet man vor: ein Waisenhaus, Fremdenasyl und Spital (sog. Hekdesch), öffentliche Bibel- und Talmudschule (Talmud Thora), Vereinigung zur Ausheiratung armer jüdischer Bräute (Hachnasat kallah), Vereinigung zur Unterstützung armer Kranker (Bikkur cholim) usw. Es sind dies uralte von der jüdischen Tradition geforderte Institutionen, die hier trotz oft sehr schwerer Verhältnisse mit den größten Opfern erhalten und gefördert werden. *) Wird das Kind zum ersten Mal in die Wiege gelegt, so werden in diese aus demselben Grunde Rosinen und Mandeln geworfen (siehe auch das oben zitierte Wiegenlied), Auch wenn der Bräutigam am Sabbat, der dem Hochzeitstage vorangeht, in der Synagoge feierlich, mit besonderer Melodie, zur Thora gerufen wird, (an dem sogenannten Schabbes- Aufrufen), wird er von der Frauengalerie aus von Mutter und Tanten mit Rosinen und Mandeln (in die Synagoge hinein) beworfen.

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