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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 460

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
460 (sequence 4)
Language
German
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460 Samuel Rappaport: die uns Mose geboten, ist das Erbe der Gemeinde Jakob" (Torah ziwah lanu Moscheh moraschah kehillat Jakob) hat das Kind schon mit dem ersten Lallen, in hebräischer Sprache, der Mutter nachzusagen gelernt. Diesen Spruch wiederholt auch das Kind im Bettchen am Abend so lange, bis es einschläft. In der Säuglingszeit wird das Kind mit Wiegenliedern in jiddischer Sprache eingewiegt. Das populärste und älteste dieser Lieder lautet: Unter mein Kinds*) Wiegale Steht a gülden Ziegale. Das Ziegale ist gefuhren handien Rosinklach mit Mandlen. Dus ist taki die beste Sechojre. Mein Kind*) wird miertscheschem**) lernen Tojre***. Auch christliche Ammen und Mägde, die in jüdischen Häusern bedienstet sind, wiegen die Kinder mit diesem Liede ein. Die verschiedenen Segenssprüche, die vor dem Genuß von Speisen, Früchten und dgl. zu sagen sind, lernt das Kind, wie es nur zu reden beginnt, da niemand von dieser Welt genießen dürfe, ohne Gott zu preisen (Babli Berachot 35), und schon das Kind, was die Eltern geben, als nur von Gott geschenkt wissen müsse. Eines der schönsten und für das Kind unvergleichlichsten Feste der Schulzeit ist der Beginn des Pentateuchunterrichtes, des sog. Chumesch-Lernens, nachdem das Kind die erste Schulstufe, den sog. Dardeki-Cheder, absolviert hat. Dies schöne Familienfest war früher auch im Westen heimisch, ist aber dort schon längst in Vergessenheit geraten. . Im Anschluß an eine uralte jüdische Sitte, daß das Kind sein Thorastudium nicht mit der Erschaffung der Welt (1. Buch Mosis), sondern mit dem 3. Buch Mosis, das vom Opferkultus handelt, beginnen solle (Midrach Wajikrah Rabbah Abschnitt 7), wird aus diesem Anlaß der Tag besonders feierlich begangen. Das Fest ist für das Kind nicht nur von nachhaltiger, sondern auch von besonders erzieherischer Bedeutung. Das große sittlich-religiöse Postulat, Opfer zu bringen, das sich in der Tugend des Wohltuns immer und überall im Judentum kundgibt, begleitet hier das Kind vom ersten Tage, an dem es in der Thora zu lesen beginnt, durch sein ganzes leider fast immer dornenvolles Leben. An diesem Festtage versammeln sich alle Angehörigen und Freunde im Hause der Eltern. In Gegenwart des neuen Melamed wird der in die Chumesch- Stufe des Cheder aufgestiegene „Chumesch-Bucher" (Pentateuch-Schüler) in einen funkelnagelneuen Anzug gekleidet, mit einer goldenen Uhr und allerlei Familienschmuckgegenständen behangen und auf einen Tisch gestellt. Die anwesenden Frauen bewerfen den Jungen mit Rosinen, Mandeln und Nüssen als den Sym- *) Statt der Worte „mein Kinds" wird oft der Name des Kinds gesagt, z. B. Chaimels, Jankinius, Schlojminius. ••) Das Wort „miertscheschem" ist korrumpiert aus dem hebräischen „im jirzeh haschem" d. h. wenn Gott (der göttliche Name) es will. ***) Das populäre Lied aus Goldfadens „Sulamit", „In dem Beis hamikdosch in a Winkel Cheder", hat dies uralte Wiegenlied zum Grundthema.

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