Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 455 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion 455 Zusammenhanges. Ich will versuchen, das Wesen des Satzes, das Sie als religiöser Mensch schon intuitiv erfaßt haben, mittels der Vernunft auseinanderzusetzen. Wir g lauben, daß es in der Welt eine göttliche, ewige Kraft gibt, die sich am ungetrübtesten in dem Willen der guten Menschen zur Reinheit, in der Sehnsucht des Propheten nach Gerechtigkeit, sowie in der Gestaltungskraft des Künstlers und Dichters offenbart. Gleich einem Strom ergießt sich das Göttliche in die Welt, dem Menschen anheimstellend, sich entweder hineinzustürzen, in der Befolgung seiner Bewegungsgesetze selbst zum Strom zu werden und so ihm ein immer tieferes Bett zu graben, bis daß er in der gleichen Tiefe die ganze Welt erfüllt — oder am Rande des Stromes, dem Orte der Trägheit, des Stillstandes und der schalen Fäulnis zu bleiben, dem eigenen Willen und nicht dem Willen Gottes folgend. In diesem Sinne ist dem jüdischen Menschen durch die Entscheidung, sich im Leben mit Gott zu vereinigen oder dem Bündnis abzusagen, die Wahl über Leben und Tod gegeben. Der empirische Tod ist nur insofern entscheidend, als er das Ende des für Gott schaffenden Lebens ist. Der Tod, den wir nicht für die Sache des Geistes freiwillig erleiden, erscheint uns wie das plötzliche Hereinbrechen irgend einer Naturgewalt über uns, wie ein unerwartetes Gewitter, das uns erschlägt. In Gedanken an einen solchen Tod geben auch uns die Worte „Wo gehen wir denn hin? Immer nach Haus" das süße Gefühl einer tiefen beglückenden Sicherheit. Denn die ganze weite Welt ist ja Gottes voll. Nur — wie auch im Flusse in der Mitte die reißende Strömung und am Rande das stehende Wasser ist — so ist die Welt nicht allerorts gleichermaßen von Gott erfüllt, sondern es gibt gottnahe und gottferne Substanz, Geist und Ungeist, Gut und Böse, Absolutes und Relatives. Das Bewußtsein, daß im Tode die kleinste Faser unseres Selbst in die unendliche ewige Welt und somit zu Gott eingeht, nimmt auch dem unsinnigsten Tode das Furchtbare. Also auch wir Juden können die Worte vom Nachhausegehen sagen. Nur tun wir es trauriger als Sie — wie Menschen, die ihren eigentlichen Beruf, die Verwirklichung des Geistes auf Erden, nicht erfüllen konnten. Wir fühlen uns mehr „aufgehoben" als „erlöst". Dem christlichen frommen Menschen kann es im letzten Grunde gleichgiltig sein, wofür er sein Leben läßt, da ihm der Tod an sich schon die Erlösung, die sehnlichst erwartete Vereinigung mit Gott bringt. Uns aber kann der Tod nur dann wahrhafte Erlösung sein, wenn wir durch ihn die Welt ihrem Ziele näher gebracht haben. Ihnen ist der Erlöser der Welt bereits erschienen. Ihnen kann es nichts Höheres geben, als ihm, den man über alles liebt, sterbend nachzufolgen; das schöne Lied Ihres Dichters auf den sterbenden Lippen: „Hinunter zu der süßen Braut, zu Jesus dem Geliebten, getrost, die Abenddämmrung graut den Liebenden, Betrübten". Uns erscheint die Welt, die heute mehr denn je des gröbsten Ungeistes voll ist, noch durch keinen Messias erlöst. Zum Schluß möchte ich noch auf einen Ihrer Einwände eingehen. Ihnen erschien die Tatsache, daß unsere Propheten den Tod nicht metaphysisch verklärt haben, als die jüdische Unfähigkeit, den irdischen Boden zu verlassen und Slch in die Unendlichkeit emp orzuschwingen. Können Sie wirklich glauben, daß