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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 456

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion
Date
1920-01-01
Page
456 (sequence 6)
Language
German
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Siegfried Lehmann: Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion Menschen, die der Stimme Gottes und seines Wesens so voll waren, daß sie der eigenen Rede die Form gaben, als ob Gott selbst aus ihnen spräche — glauben Sie, daß solche Menschen an der Ewigkeit des wahren Menschen auch nur zweifeln konnten? Gerade daß sie sich ganz als Sendboten Gottes fühlten, sich selbst nicht sahen, gibt ihnen ja ihre übermenschliche Größe. Ihnen gilt der Vers Franz Werfeis „Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß Und im Gelock den Frühtau deines Angesichts". Bis heute habe ich nichts wieder von dem Kameraden gehört. Er wird vielleicht einer der wenigen Menschen in diesem Kriege sein, die menschenwürdig sterben. Die meisten gehen heute, da ihnen weder Religion noch Philosophie die menschliche Höhe, diesem Schicksal gegenüberzutreten gibt, als kleine, hadernde Kreaturen zugrunde. Vielfach will man ja allerdings die Rückkehr zur christlichen Religion beobachtet haben. 3- Wir sagten schon eingangs, welches im allgemeinen die Stellung des jungen nationalen Judentums zur jüdischen Religion sei. Man beschäftigt sich mit ihr in Vorträgen und Seminaren, wie man sich auch mit Literatur und Geschichte beschäftigt. Man hält es für notwendig, daß ein nationaler Jude mit den bekannten Stoffen der jüdischen Religion Bescheid wisse; es liegt also die Absicht zugrunde, auf diese Weise „jüdischer" zu werden. Kann es jedoch etwas Unjüdischeres geben als solches angeeignete jüdische Wissen, welches in das wirkliche Leben nicht als Religion einzugreifen vermag, keine Antwort geben kann auf die Fragen nach dem Sinn jedes Seins, dieses theoretische Wissen, das den Menschen nicht zu einem bestimmten Handeln verpflichtet und sein persönliches Verhältnis zu Gott, zum Leben und zum Tode, nicht stärker berührt als das Wissen in der Zahnkunde oder in der Bautechnik? Vielleicht wird der Krieg, der auch so viele Juden in die Nähe des Todes bringt und sie daher so hart den Fragen nach dem Werte des Lebens und des Todes, diesen ganz religiösen Fragen, gegenüberstellt, dazu beitragen, die jüdische Religion wieder zum lebensgestaltenden Faktor unter der Jugend zu erheben. Dazu können wir nicht Menschen brauchen, die uns Vorträge über die Tätigkeit der Propheten und die Zeitströmungen, in denen sie lebten, halten, — von diesen haben wir viele — sondern nur Juden, die selbst den Gott der Propheten geschaut haben, Juden, die mit leuchtenden Augen von Gott reden können. Nur solche vermögen die Jugend vom Dasein Gottes zu überzeugen und von der notwendigen Liebe zu ihm, ohne die jede Lektüre religiöser Werke nur informierende Beschäftigung mit Religionsgeschichte bleibt. Nicht Mehrung des jüdischen Wissens, sondern ein Verhältnis zum jüdischen Gott tut not. Nur wenn jeder von uns als Abraham nach langer Selbstüberwindung das Bündnis mit Gott geschlossen, als Jakob mit Gott bis zum Morgengrauen gekämpft, und als Hiob mit allem Zweifel einer frommen Seele gerungen hat, wenn die mit den Jahrhunderten in die Tiefe und Weite gewachsene Gotteserkenntnis in unser eigenes Leben wesenhaft eingegangen ist, dann erst wird die Bibel den Einfluß ausüben können, den wir wollen: sie wird unsere Jugend jüdisch machen. Im Felde Siegfried Lehmann

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