Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 454 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101132-3102497--1814-3102549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
454 Siegfried Lehmann: individuellen Tode aussöhnen könnte? Sind wir es nicht, dann kann uns die heilige Schrift allein in betreff unseres Todes nichts geben. Dem frommen Christen fällt aas Sterben im Felde nicht schwer. In meinem Unterstand lebte ein junger Mensch, der in seinem Tornister stets den frommen Romantiker Novalis mit sich trug. Wie hat er sich in manchen bösen Stunden mit dessen geistlichen Liedern an der Süßigkeit des Todes berauscht! Wie oft wiederholte er die Worte aus dem Tagebuch: „Was ist eine ängstliche Stunde, eine peinvolle Nacht, ein trüber Moment, gegen die lange glückliche Ewigkeit?" Mit welch kindlicher Inbrunst sprach er immer wieder die Worte nach: „Wo gehen wir denn hin? Immer nach Haus". Er fühlte sich noch der Unendlichkeit so eng verbunden, daß der Tod ihm die Fessel zu lösen schien, die ihn an die Erde heftete, um sich ganz der Ewigkeit zu einen. „Wo schläft ein Kind wohl sicherer als in der Kammer seines Vaters?" pflegte er zu zitieren. Es war natürlich, daß wir oft über das Wesen von Judentum und Christentum sprachen. Für ihn war es klar, daß nur durch das Christentum die Menschheit erlöst werden könnte, da der Weg in das Reich Gottes von Christus allein den Menschen gewiesen worden sei. Das Alte Testament hielt er wegen seiner ausgesprochenen irdischen Grundlage für verwerflich und er berief sich auf die Strophen seines Lieblingsdichters: Ein eisern Band hielt an der Erde Die bebenden Gefangnen fest; Furcht vor des Todes Richterschwerte Verschlang der Hoffnung Überrest. Da kam ein Heiland, ein Befreier, Ein Menschensohn voll Lieb und Macht, Und hat ein allbelebend Feuer In unserm Innern angefacht. Nun sahn wir erst den Himmel offen Als unser altes Vaterland, Wir konnten glauben nun und hoffen Und fühlten uns mit Gott verwandt. Ich teilte ihm mit, wie nach meiner Anschauung das Alte Testament den Tod auffaßt. Ich wollte ihm am nächsten Abend eingehender vom Judentum, besonders von der späteren Lehre erzählen; inzwischen aber wurde er aus unserer Stellung versetzt, und ich mußte das Beabsichtigte in einem Briefe sagen, aus dem hier dies mitgeteilt sei: „Als wir uns trennten, hatte ich das Empfinden, als ob Sie mit einem Gefühl des Mitleides für mich fortgingen — wie ein Mensch, der sich im Besitz der allein beseligenden Wahrheit dünkt und deshalb auf den anderen mitleidig her absieht, der zu steter Unbefriedigtheit und Unrast verurteilt ist. Da Sie mich darum baten, will ich Ihnen heute weiter vom Judentum erzählen. Glauben Sie nicht, daß die beglückende Vereinigung mit Gott, die Sie im Tode zu finden hoffen, eine uns Juden fremde Sache wäre. Nur scheint uns als Weg zu dieser Vereinigung das Leben geeigneter als der Tod. — Ein altes jüdisches Wort sagt: Wohltun errettet vom Tode". Wie Sie wohl selbst fühlen, ist dieser Satz nicht, wie die sogenannten aufgeklärten Menschen meinen, ein zum Wohltun anhaltendes ethisches Dogma, in dem als Lohn die Befreiung vom Tode versprochen wird, sondern er enthält eine tiefe philosophisch-religiöse Erkenntnis des Welt-