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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 453

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion
Date
1920-01-01
Page
453 (sequence 3)
Language
German
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Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion 4S3 dessen Weib im Paradiese wohnen lassen. Dort ging es ihnen gut. Als sie aber nicht auf Gottes Stimme hörten und sündigten, da vertrieb er sie aus dem Paradiese mit den Worten: Staub bist du, und zum Staube sollst du zurückkehren/' Wie ist es denkbar, daß das jedem Erdenwesen innewohnende Verlangen nach Dauer, nach Ewigkeit hier in keiner Weise ausgedrückt wird, wie doch in den Religionen aller Völker, nicht einmal durch die Hoffnung? Zwar finden wir in der Bibel vereinzelt Stellen, die den Glauben an eine Unsterblichkeit andeuten, aber nirgends wird diese Anschauung besonders oder überzeugend dargestellt. Der Tod, dem nichts mehr folgt, scheint das tragische Ende des sündhaften wie des gottgefälligen Lebens gewesen zu sein. Oder war der Jude damals noch mit seiner Volksgemeinschaft so eng verbunden, daß er in den göttlichen Offenbarungen, die seinem Volk das Ideal der Vollendung vorhielten, Ewigkeit versprachen, seine eigene Ewigkeit verbucht sah? Eine andere Lösung finden wir nicht. Wir müssen annehmen, daß über dem Tod des Einzelnen, das Unerträgliche verklärend, der Glaube an die Dauer und Berufung des Volkes lag, mit dem man sich in Einheit wußte. Die Kennzeichnung als ,,ewiges Volk", die von Gott als Trost oder Belohnung oft ausgesprochene Verheißung, den Samen des Sterbenden mehren und über alle Völker erhöhen zu wollen, die Bestrafungen mit körperlicher Unfruchtbarkeit, bestätigen die Vermutung. Daß die Unsterblichkeit der Einzelseele nicht im Sinne der alten jüdischen Religion lag, geht auch aus der Erzählung des Evangelisten Johannes hervor. Dort spricht Jesus: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich". Die Juden aber antworteten: „Nun erkennen wir, daß du den Teufel hast. Abraham ist gestorben und die Propheten und du sprichst: So jemand usw." Eine wichtige Aufklärung gibt ferner die Aussage der jüdischen Abgesandten, die von Mohammed im 7. Jahrhundert n. Chr. über die Anschauung von der Unsterblichkeit bei den Juden befragt wurden. Die Gesandten meinten, daß ihr Volk, obwohl in den heiligen Schriften selbst darüber nichts enthalten sei, ein Fortleben nach dem Tode als selbstverständlich annähmen. Erst in den Zeiten, in denen das nationale Gefüge sich löste und der Einzelne sich nicht mehr in gleichem Maße als Teil der Volksgesamtheit fühlte, konnte das Bedürfnis nach persönlicher Erlösung sich geltend machen. Das Auftreten Jesu und der sich an ihn knüpfende Unsterblichkeitsgedanke war eine notwendige Folge davon. In den Schriften, die nach Jesus entstanden, spielt die individuelle Seligkeit nach dem Tode eine wesentliche Rolle. Aber die niemals verstummenden mit der Hoffnung auf den Messias zusammenhängenden Erlösungsideen beweisen, daß die Sehnsucht des Alten Testamentes, das Verlangen nach Erlösung des Einzelnen durch die Volksgemeinschaft stets lebendig geblieben war. Vielleicht liegt darin der letzte metaphysische Grund für die gewaltige Kraft des jüdischen Volkes in seinem Selbsterhaltungsringen. Es kämpfte vielleicht den Kampf des Menschen, der sich in seiner Sehnsucht nach Ewigkeit und Erlösung bedroht fühlt. 2. Sind wir Juden heute noch so eins mit unserer Gemeinschaft, daß die Verheißung Gottes an Abraham über Zukunft und Vollendung seines Volkes, die ihm das Bewußtsein von dessen Unsterblichkeit gab, uns mit unserem eigenen

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