Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 452 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Siegfried Lehmann: Handhabe böten, wirklich jüdische Inhalte zu vermitteln, und wollten deshalb der Religion breitesten Raum in der jüdischen Erziehung zugestehen. Sie sahen die Religion als ein mit dem jüdischen Menschen durch die Vergangenheit verquicktes Kulturmoment an, dessen Einfluß auf die Jüdischkeit der Kinder als ebenso tief wirkend gewertet werden müsse, wie das Verbundensein mit allen anderen Inhalten des Judentums, etwa der jüdischen Geschichte. Man las Bibel, nahm Kurse in der hebräischen Sprache, von der Meinung ausgehend, daß sich erst nach Kenntnis des Hebräischen das Geheimnis der jüdischen Religion offenbaren würde. Das Schicksal wartete aber den Erfolg all dieser Bemühungen nicht ab: der Krieg stellte den jungen Juden plötzlich vor ein mit dem Wesen der Religion eng verknüpftes Problem, den Tod. Im Anblick des Todes wird uns erst klar, in welchem Verhältnis zum Unendlichen, das sich ja in der Religion ausdrückt, wir stehen. Wir erkennen plötzlich, wie tief oder wie wenig wir uns mit der Ewigkeit verbunden fühlen. Mit dem aus dem „Interessiertsein" an der Religion entstandenen „jüdischen Wissen", worauf man in manchen nationalen Kreisen so viel Wert legt, könnten wir hier nichts beginnen: es stellt sich als unsagbar unwesentlich heraus. Offen aber bleiben die großen zwingenden Fragen-' Tod, Ewigkeit, Gott, auf die nur wahrhafte Frommheit Antwort weiß. Uns Juden wird der Tod schwerer als den anderen Menschen. Eine Religion, die so voll ist von der Sehnsucht nach Tat: in der die Forderung, das Erkannte, Wahre hier und jetzt auf dieser Erde zu verwirklichen, als Grundakkord tönt, macht uns die Trennung vom Leben und vom Schaffen nicht leicht. Es ist vielsagend für den Wesensunterschied der christlichen und jüdischen Religion, wie ihre Anhänger den Tod ihrer größten Propheten darstellten. Mit welch freudiger Innigkeit geht in den geistlichen Liedern Christus in seinen süßen Tod, ein himmeldurstiges Aufstreben zu Gott, und wie von Grund aus anders erscheint der Tod unseres Propheten in der Hagada. Hier kämpft Mose mit aller Macht, die ihm zu Gebote steht, gegen das Sterben: „Ewiger mein Gott, nachdem Du Zeichen und Wunder durch mich vollbringen ließest, befiehlst Du mir zu sterben?" Gott erinnert ihn daran, daß der Tod auch das Schickal seiner Vorfahren gewesen sei, aber Mose sucht durch Aufzählung seiner guten Taten den Entschluß Gottes zu ändern und führt immer neue Gründe an, die den Herrn bewegen sollen, ihm das Leben zu lassen, während Gott immer neue Wege sucht, sich seiner Seele zu bemächtigen. Auch der Todesengel muß auf die Frage des Herrn „Woher kommst du?" antworten: „Von Mose, Herr, ich kann seine Seele nicht holen. Kaum ist es mir möglich, vor ihm zu stehen, so hell leuchtet sein Angesicht. Darum bitte ich dich, Herr, schicke einen anderen". Nicht einmal das Versprechen Gottes, die Seele Moses bei seinem Throne neben den Engelscharen wohnen zu lassen, läßt Moses Flehen, ihn leben zu lassen, verstummen. Schließlich trat, Gott hinzu „küßte Mose, nahm dessen Seele und führte sie nach dem Himmel". Die Aufnahme seiner Seele in den Himmel war nur ein Zugeständnis, das Gott an Moses einzigartige große Persönlichkeit machte. Das Schicksal der Juden schlechthin nach dem Tode ist ein andres. In seiner ganzen nackten Härte spricht es Aaron in einer hagadischen Erzählung aus: „Wie soll man das aber verstehen", fragt da Mose, „daß Gott auch den Tod in die Welt gebracht hat?" Aaron antwortet: „Auch das ist im Gesetz Gottes. Erst hat er Adam und