Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus einem Jerusalemer Tagebuch
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 450 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Eugen Hoeflich: Aus einem Jerusalemer Tagebuch 5. Mai Vorabend auf dem Haram: Der Tempelplatz mit seinen riesigen Dimensionen ist das Sinnbild des Erhabenen. Wenn auch die Moschee selbst nicht so überwältigend wirkt, sind aber die Tore, Bogen auf hohen schlanken Säulen, phantastisch und edel, und alles, die stillen, weiten Höfe mit den ruhigen Zypressen, in denen unerlöste Schreie zu schlummern scheinen, die weißbeturbanten Hodjas, die lautlos über die breiten Stiegen schreiten, oder ein Betender vor einem Brunnen, alles dies ruft die Sehnsucht auf nach den verstorbenen Märchen der Kindheit. — (Wenn ich vom Tempelplatz hinunter schaue ins Tal Josaphat, oder nach Mozza hinausfahre oder gar in den Zypressenhain beim Ölberg hinaufgehe, glaube ich immer, daß dies das schönste Land der Welt ist. Oder ist es Voreingenommenheit des Blutes?) Die Tragik aber bleibt. Das Sonderbarste geschieht hier täglich: die unsere Heiligtümer verehren, verwehren uns den Eintritt zu ihnen. Die ganze Tragik unseres Volkes hat sich hier gesammelt. 10. Juni Eine Stunde übrige Zeit verwendete ich zum Besuch einer hebräischen Mädchenschule. Alles das, was ich von der Knabenschule bemerkte, trifft auch hier zu. Aber auch hier ist viel Hoffnung und Wollen, und trotz der primitiven Mittel — das kleine Haus ist nicht einmal Eigentum der Schule —, trotz der unzureichenden Mittel ist die Begeisterung groß und ich glaube, daß hier viel trostreiche Zukunft ist, viel eher als in der schönen und großen Lämelschule des Herrn Cohn, wo Hebräisch nur ein erzwungener Nebengegenstand ist und wo man Juden zu Halbdeutschen erziehen will. 11. Juni Hebräischer Kindergarten: Aus einem Haus, in einem Garten, kam mir Kindergesang entgegen. In einer kleinen Halle spielten Kinder zwischen drei und fünf Jahren unter der Leitung einer Lehrerin, mit dem ungeheuren Ernst, der nur der Wichtigkeit entspringen kann, die ein Kind seinem Tun beilegt. Ich ging durch einige Klassen und war überrascht, diese Erfolge der Arbeit zu finden, die wir brauchen, um ein gutes Geschlecht heranzuziehen. Im Spiel lernen diese Kinder in jedem Augenblick neue Begriffe aus der Welt der Dinge und ihre Namen kennen. In einer Klasse sah ich die Kirider fremdsprachiger Eltern. Auch sie lernen im Spiel. Und das Wunderbarste an diesen Kindern ist, daß sie am Wiederaufbau des Volkes mitarbeiten. So erzählte mir die Lehrerin, daß die Kinder vom Hauptworte *ynD (Ball) sich das Zeitwort TD (ballspielen) gebildet hätten. Tagtäglich kämen solche Wortneubildungen vor, von denen einige doch ins Volk dringen und erhalten bleiben. Der Weg, den sie nehmen, ist interessant: oft kommen Mütter dieser Kinder in den Kindergarten, um mit ihrem Kinde Hebräisch zu lernen, damit es auch zu Hause hebräisch spräche. So lernen die Erwachsenen von den Kindern, die neuen Worte finden so Verbreitung, und der Ernst, mit dem sie beide lernen, ist ein gutes Zeichen für die Macht, die in der Bewegung liegt. Diese Stunde dort im Kindergarten könnte mich aussöhnen mit vielem, das mich mitunter hatte zweifeln lassen an dem Erreichen unserer Ziele. Natürlich ist auch hier manches noch halb, so zum Beispiel die hebräischen Kinderlieder nach deutschen oder französischen Melodien, aber der Wille ist da und das ist gut.