Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 449

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Aus einem Jerusalemer Tagebuch
Date
1920-01-01
Page
449 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101132-3102496--1807-3102544
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus einem Jerusalemer Tagebuch 449 und ich versank immer tiefer in mich, bis ich mich plötzlich wieder auf der schmalen Treppe fand. Dann erinnerte ich mich undeutlich, mit einem jungen persischen Juden einige spanische Worte über eine kabbalistische Bibliothek gewechselt zu haben. i. Mai Heute war ich in einer hebräischen Knabenschule. Gern hätte ich einen von jenen dort herumgeführt, die behaupten, daß das neue Hebräisch eine künstliche Sprache sei. Ich hätte ihn in die Physikstunde geführt, wo schon das Hebelgesetz erklärt wurde, als ich die Klasse betrat. Er hätte gestaunt über die ungeheure Entwicklungsfähigkeit dieser Sprache, und wenn er ein hebräisches Mathematiklehrbuch in die Hand genommen hätte, hätte er zurückgenommen, was er je über die Unmöglichkeit, in einer „toten" Sprache zu sprechen, gesagt hat. — Die hebräischen Worte aber waren, soweit ich es beurteilen konnte, das einzige, das diese Schule von einer beliebigen europäischen unterschied. Auch hier mangelte es an dem spezifisch jüdisch-orientalischen Geiste, der in uns sein muß, wenn wir nicht bloß europäische Juden, die zufällig in Palästina wohnen, sein wollen. Zuviel ist an diesen Menschen noch europäisch, zuviel, um eine unabhängige Kultur entkeimen zu lassen. Und wie in der Schule noch zuviel Europäismen sind, die die wieder angenommenen orientalischen Lebensäußerungen auf den verschiedenen Gebieten überwuchern, so auch in der Kunst, noch in der Sprache teilweise, in der Kleidung und in den Gedanken. Mit vielen sprach ich darüber, daß der Jude in der alten asiatischen Heimat sich wieder zum alten Judentum zurückfinden müsse, so daß er dort anhebe, wo einst die altjüdische Kultur stehen blieb. Viele gaben mir recht, wenn ich sagte, daß die neujüdische Bewegung ein totgebornes Kind sei, wenn sie hier in Palästina, wenn sie überhaupt unter Juden eine europäische Kultur schaffen wolle, sie gaben mir Recht und sagten, daß auch sie schon Ähnliches gedacht hatten. Ich fürchte aber sehr, sie haben diesen Gedanken nur gestreift und ihn nicht zu Ende gedacht. Wir sprachen davon, daß man zumindest der hier gebornen Jugend auch äußerlich täglich und stündlich vorführen müsse, daß wir wieder ein eigenes Volk mit eigenen Sitten und Gebräuchen sein wollen. Man möge dahin arbeiten, daß Juden in Häusern jüdischen Stils wohnen — (ich hätte weinen können, als ich bei meiner Ankunft in Jerusalem die trostlos kitschigen Häuser mit den roten Dächern sah: können denn nicht auch ein bißchen guter Geschmack und ein paar Gedanken dem Baukapital beigegeben werden, statt gedankenlos Häuser hinzustellen, die vielleicht irgendwo in Europa Berechtigung haben, niemals aber hier im Orient, wo das flachdachige Haus von den Jahrtausenden als richtig anerkannt wurde?) — man möge trachten, daß der lächerliche europäische Rock verschwinde, der in diesem Lande und unter dieser Sonne ein Unding ist, der die Freiheit der Bewegung hindert, und man möge sich vor Augen halten, daß es wichtiger ist, daß ein Junge reiten und schießen kann, als daß er den pythagoräischen Lehrsatz zu beweisen imstande ist. Es scheinen dies vielleicht nur Äußerlichkeiten, aber die Innerlichkeit wird immer beeinflußt durch das, was von außen kommt. Es beginnt ja schon da und dort zu dämmern Und man sieht schon frische Bauerngesichter unter den Juden, aber es fehlt die systematische Arbeit und das Bewußtein, daß ein jüdischer Beduine, der mit der Natur verwachsen ist, für unser Volk mehr Wert hat, als zehn weltfremde Gelehrte. Heft 7. 30

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.