Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus einem Jerusalemer Tagebuch
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 451 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101132-3102496--1809-3102546- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Siegfried Lehmann: Gedanken aus dem Felde über Tod und Religion Es wird verhältnismäßig auch ökonomisch viel durch diesen Kindergarten getan; so bekommen täglich achzig Kinder Essen unentgeltlich, aber das Budget ist lächerlich gering: Für Wohnung iooo Fr., für die Lehrerinnen 4000 Fr., für Lehrmaterial (das meiste wird selbst erzeugt) und Bedienung 1200 Fr. jährlich. In Summa also rund 6000 Fr., was ungeheuer wenig ist, wenn man bedenkt, daß die Erhaltung eines derartigen Kindergartens in Deutschland jährlich 15000 bis 20000 Mark kostet. 17. Juni Eine Redaktion hat es für notwendig befunden, mir ein Exemplar ihrer Zeitschrift zu senden. Es ist erstaunlich, wie kleinlich doch die Menschen in dieser „großen" Zeit sind. Ich konnte nicht anders, als diese Zeitschrift bei jenem Tor Jerusalems zu deponieren, das die Araber das Misttor nennen. — Nahe bei diesem Tor traf ich eine Gruppe von etwa zwanzig sprechenden Kindern. Elf davon waren augenkrank. Das erste, das wir nach dem Kriege zu tun haben werden und wofür viel Geld aufzuwenden ist, ist eine konsequente Sanierung. Dem Palästinaamt muß unbedingt eine Sanitätskommission angegliedert werden. Es ist überhaupt wunderlich, daß man in diesem jüdischen Amte wohl einen Ökonomen, einen Finanzmann usw. kooptiert hat, nicht aber einen Arzt. Wir wollen doch ein gesundes Volk in Palästina haben und es kann einer ein noch so guter Ökonom sein, er wird bei der Neuanlage einer Kolonie nicht vom ärztlichen Standpunkte aus beurteilen können, ob der Platz auch für die Volksgesundheit zweckmäßig ist. Es muß überhaupt mehr für die allgemeine Gesundheit getan werden. Jerusalem mit seinen Tausenden augenkranker Juden besitzt nur zwei jüdische Augenärzte, die, wenn sie auch zwölf Stunden täglich arbeiten, nicht die schreckliche Fülle der Arbeit bewältigen können. — Es muß ein wunderbares Gefühl sein, einem Menschen das Augenlicht zu geben. Ich erinnere mich, einer Augenoperation im Lemaan-Zion-Hospital beigewohnt zu haben. Der Schrei, den der alte Mann, der, jahrelang schon blind, auf dem Operationstisch ausstieß, als er plötzlich wieder sah, wird mir nie aus dem Gedächtnis schwinden. Was die paar jüdischen Ärzte hier und sonderlich diese Ärztin, die zehnmal in einer Nacht von kranken Juden geweckt wird, in unmenschlicher Arbeit leisten, ist Zeugnis der größten Liebe zum Volke. Eugen Hoeflich GEDANKEN AUS DEM FELDE ÜBER TOD UND RELIGION I. Vor dem Kriege betrachtete die Mehrzahl der jungen jüdischen Nationalisten im Osten wie im Westen die jüdische Religion als eine für sie nicht mehr in Betracht kommende Zugabe zu ihrem jüdischen Nationalbewußtsein, die von wirklichem Wert nur noch für die Masse sei, weil die Erhaltung der jüdischen Nation ja auch bisher nur dem strengen Festhalten an der Religion zu verdanken gewesen wäre. Andere betonten, daß die Religionsgesetze die einzige konkrete 30*