Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus in der Türkei
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 442 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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442 Fritz Sternberg: Die Juden bilden ein nationalgeschiedenes Element und Ruppin sagt mit Recht*): „Auch die Juden bilden in der Türkei bereits eine offiziell anerkannte Nation, ein „millet". Das türkische Wort „millet" bedeutet sowohl Glaubensgemeinschaft wie Nationalität. Die Frage, ob die Juden eine Nationalität sind, kann in der Türkei gar nicht entstehen, weil eine besondere Glaubensgemeinschaft ipso facto als Nationalität gilt. . Kehren wir noch einmal zu den Ziffern der Ruppinschen Statistik zurück, so können wir konstatieren, daß die jüdische Bevölkerung ihren heutigen Stand nicht nur durch die Einwanderungen erreicht hat, sondern auch durch starke natürliche Zunahme. Bei den oben aufgeführten Zahlen ist jedoch noch zu berücksichtigen, daß die jüdische Bevölkerung einen viel ungünstigeren Altersaufbau aufzuweisen hat als die Eingeborenen, da eine große Zahl älterer Leute sich an ihrem Lebensende nach Palästina wendet, um im Lande der Väter zu sterben. Die Geburtenhäufigkeit bei den Juden ist keinesfalls größer als die bei den Arabern; im Gegenteil. Wenn sie dennoch eine so große natürliche Zunahme aufzuweisen haben, so beruht dies auf der geringen Sterblichkeitsquote. Diese ist nicht nur den Juden Palästinas, sondern denen der ganzen Welt eigentümlich**). Sobald ein Jude nur etwas mehr als das Existenzminimum besitzt, sobald der Kampf ums tägliche Brot nicht sein ganzes Denken gefangen nimmt, sorgt er für Schule und Arzt. So ist es in der ganzen Welt, so ist es in Palästina, und daher ist das Ärztewesen in den Kolonien — nach Ruppins Urteil — mustergültig geregelt, und die Verhältnisse in den Städten bessern sich zusehends; die Wirkung auf die Juden zeigt unsere Statistik. Aber auch die Araber erkennen den Nutzen der jüdischen Hygiene. Übereinstimmend wird berichtet, daß sie sich immer mehr der jüdischen Ärzte bedienen, die schon jetzt mehr als die Hälfte aller Ärzte Palästinas ausmachen***). Doch wir stehen hier erst im Anfang einer Entwicklung, die unübersehbare Perspektiven für die Wirkung von Juden in der Türkei eröffnet. Wenn sich die jüdischen kulturellen Einrichtungen weiter vervollständigt haben werden, insbesondere die jüdische Universität in Jerusalem geschaffen sein wird, somit Juden in Palästina selbst zu Ärzten ausgebildet werden, Juden, die von Kindheit auf mit dem Lande vertraut sind, dann wird sich der Wirkungskreis der jüdischen Ärzte ganz außerordentlich steigern, denn dem europäischen Arzte bringt der Araber wie der Türke — dies ist in gleicher Weise in ihrer Erziehung wie in ihrer Veranlagung begründet — das größte Mißtrauen entgegen. In einem Aufsatz über „Amerika und der Orient"*}*) betont Professor Bernhard mit Recht: „Unersetzlich ist im Orient der modern gebildete orientalische Arzt. Er kennt die Gewohnheiten des Volkes, er vermag die orientalischen Gleichgültigkeiten, den islamitischen Haß zu besiegen, und so leistet er im *) a. a. 0. S 287. **) Wie sich die Juden überhaupt stets im Sterblichkeitsverhältnis, aber auch in der Berufs- und Altersgliederung, in der Verteilung der Geschlechter von den sie umgebenden Völkern deutlich unterscheiden. ***) Ich verdanke diese Mitteilung Herrn Dr. Elias Auerbach, t) Preußische Jahrbücher 1905.