Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 441

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus in der Türkei
Date
1920-01-01
Page
441 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101132-3102495--1797-3102536
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus für die Türkei 441 Nach Ruppins „Die Juden der Gegenwart", 2. Aufl. 1911, S. 283, betrug die Gesamtzahl der Juden in Palästina im Jahre 1880: 35000; die natürliche Zunahme im Jahrzehnt 1881—1890: 3000; 1891—1900: 4200; 1901—1910: 5300; die Einwanderung 1881—1890: 9500; 1891—1900: 13000; 1901—1910: 16000; die Gesamtzahl im Jahre 1910 somit 86000. Für die Zeit kurz vor dem Kriege schwankten die Schätzungen zwischen 110000 und 120000. 10—15000 Juden haben Palästina während des Krieges verlassen, jeder Zuzug hat aufgehört und die Sterblichkeit hat im Kriege stark zugenommen, so daß ihre Zahl augenblicklich 90000 betragen dürfte*). Die jüdische Einwanderung weist also ständig — wenn auch langsam — steigende Ziffern auf, und sie ist die einzige europäische von nennenswertem Maßstabe. Sie hat — vom türkischen Standpunkt aus gesehen — nicht die Nachteile, die jede andere europäische Einwanderung aufweist, aufweisen muß. Es steht keine fremde Macht hinter ihr, die sie als Werkzeuge und Pioniere ihrer nationalen Aspirationen in der Türkei benutzen könnte**). Bislang war ihr Verhältnis zu den türkischen Behörden im allgemeinen kein schlechtes. Zwar wurden die jüdischen Einwohner von türkischen Politikern manchmal nicht sehr freundlich betrachtet, hauptsächlich infolge von Verdächtigungen von christlichen Arabern, deren Verhältnis zu den Juden viel zu wünschen übrig läßt. Es spielen da religiöse, aber auch wirtschaftliche Gegensätze hinein — wir kommen noch darauf zurück —, aber die Türkei wird nach den Kriegserfahrungen wohl einsehen, daß keine politischen Gründe gegen die jüdische Einwanderung sprechen, daß die Juden gern bereit sind, ottomanische Staatsbürger zu werden und sich keineswegs mit dem Gedanken tragen, ein eigenes Staatswesen zu gründen. Sogar Dschemal Pascha hat das vaterlandstreue Verhalten der Juden während des Krieges rückhaltlos anerkannt, und eine Proklamation erlassen, die ich vielleicht hierher setzen darf***). Proklamation. (Veröffentlicht in arabischer Sprache Ende Februar in Galiläa und im März in Jaffa.) Es ist mir zur Kenntnis gekommen, daß in diesen Tagen die verschiedensten Gerüchte unter den Einwohnern verbreitet wurden, die besagen, daß unsere Brüder, die ottomanischen Juden, die im Lande Palästina wohnen, ihre nationalen Pflichten nicht erfüllen und daß ihre Gefühle den Gefühlen der anderen Ottomanen zuwiderlaufen. Da alle diese Gerüchte der Wahrheit widersprechen und schädlich sind, befehle ich mit aller Strenge, alle diese Gerüchte, die gegen unsere jüdischen Brüder verbreitet wurden, völlig abzuleugnen. Diese lügnerischen Gerüchte, verbreitet in dieser Gestalt gegen unsere Brüder, die Juden, die in klarer Weise ihre patriotischen Gefühle als treue und ergebene Ottomanen gleich ihren anderen ottomanischen Brüdern bewiesen haben, verv/unden das Herz und die ottomanischen Gefühle. Darum unterliegt jeder strenger Strafe, der derartige Gerüchte verbreitet. Dschemal Pascha, Marineminister und Oberbefehlshaber der IV. Armee. Auch in Palästina sind die Juden, um das Schlagwort zu gebrauchen, mit einer nationalen Autonomie zufrieden, und dagegen dürfte die Türkei als Nationalitätenstaat katexochen auf die Dauer nichts einzuwenden haben. *) Siehe auch Ruppins Angabe im 1. Jahrgang dieser Zeitschrift, S. 143» **) Schon durch diesen Umstand ist jede andere europäische Einwanderung — auch wenn ein Volk nach dem Kriege Überschuß an Menschen hätte, was uns kaum denkbar erscheint — bei dem durch den Krieg noch gesteigerten Nationalbewußtsein der Türkei von vornherein illusorisch. ***) Zitiert nach: „Die Juden im Kriege". 2. Aufl., Haag 1917. S. 89.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.