Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus in der Türkei
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 440 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101132-3102495--1796-3102535- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
440 Fritz Sternberg: als z. B. Frankreich, dessen Bewohner wohl kaum mehr vom Zweikindersystem lassen werden. Also hygienische Maßnahmen weitgehendster Art, Schaffung eines gesunden Finanzwesens Hand in Hand mit der Intensivierung des Bodens und Erweiterung bzw. Neuschaffung von Industrien — das sind die Probleme, an deren Lösung die junge Türkei ihre Kräfte zu zeigen hat. — In allen Teilen des weitgestreckten Reiches, in Palästina, wie wir glauben, unter günstigeren Bedingungen, da ihr dort der Zionismus, das jüdische Kolonisationswerk, zu Hilfe kommt. IL Palästina unterschied sich in seinem wirtschaftlichen, staatlichen Niveau nicht allzusehr von der Gesamttürkei. Auch hier zeigte die einheimische Bevölkerung — 300000 mohammedanische Arbeiter auf dem Lande, 200000 in den Städten und dazu noch etwa 80000 christliche — starke stagnierende Tendenzen. Auch hier sind die Gründe in den hygienischen Mißständen zu suchen, die in der Säuglingssterblichkeit einen erschreckenden Ausdruck finden*). Auch in Palästina zeigt sich der Verfall des Finanzwesens in einem Steuersystem, das den Fellachen die intensive Bewirtschaftung des Bodens fast zur Unmöglichkeit machte**). Auch hier ist von einer einheimischen Industrie kaum etwas zu merken. Also im allgemeinen dieselben Bedingungen, wie in den anderen Teilen des Reiches. Die Einwirkung der Templer können wir hier übergehen, ihre Zahl ist zu gering und dürfte sich kaum vermehren. Und auch die vielen bestehenden christlichen Missionen und der nicht unbedeutende Fremdenverkehr haben nicht vermocht, die Landesverhältnisse in wesentlichen Punkten zu verändern. Nur ein fundamentaler Unterschied besteht: die jüdische Einwanderung mit all ihren Folgen. Zunächst eine ganz kurze Statistik. *) Elias Auerbach, der lange Zeit als Arzt in Haifa tätig war, schreibt in einem Aufsatz über die syrische Frau (Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, 1917, 12. Bd., 2. Heft, S. 159), der wohl auch unverändert für die palästinensische Frau gilt: „Die hohe Geburtenziffer ist aber durchaus nicht gleichbedeutend mit einer starken Vermehrung der syrischen Bevölkerung. Ihr steht eine sehr hohe Kindersterblichkeit gegenüber, die vor allem das Säuglingsalter betrifft. Von vornherein verloren sind fast alle Kinder, die durch Tod oder Stillunfähigkeit der Mutter auf künstliche Ernährung angewiesen sind. Ist die künstliche Ernährung in diesem Klima schon für Europäer nur schwer durchzuführen, so bedeutet sie bei einer Bevölkerung, die den Begriff der keimfreien Milch nicht kennt und nicht begreift, für das Kind das Todesurteil durch Verdauungsstörungen. Und die Stillunfähigkeit, wenigstens die relative, ist durchaus nicht so selten, wie man annehmen könnte. Jedoch auch die Brustkinder sind schweren Schädigungen ausgesetzt. Die syrische Frau kennt keine Regelung der Brustmahlzeiten; wenn das Kind schreit, wird es eben an die Brust gehängt. Infolgedessen verlieren auch Frauen mit strotzender Brust viele Säuglinge an Verdauungsstörungen.-- Säuglinge, die allen diesen Mißhandlungen zum Trotz auf ihrem Dasein beharren, verfallen vielfach der fast im ganzen Lande stark verbreiteten Malaria-Infektion, die, wie seinerzeit Robert Koch für Afrika zeigte, mit Vorliebe das zarteste Kindesalter ergreift. Ich schätze die Sterblichkeit der Säuglinge auf 40—5o°/0; bis zum geschlechtsreifen Alter aber werden von zehn Kindern durchschnittlich nur etwa vier durchgebracht." **) Das Buch von Dr. Leo Schulmann „Zur türkischen Agrarfrage", Weimar 1916, ist eine einzige Anklage gegen dieses System.