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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 439

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus in der Türkei
Date
1920-01-01
Page
439 (sequence 3)
Language
German
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Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus für die Türkei 439 Nur dies scheint festzustehen, daß in den letzten Jahren die Bevölkerung konstant geblieben ist oder sich nur ganz langsam vermehrt hat. Die Gründe für den Bevölkerungsstillstand sind für orientalische Verhältnisse typisch. Wir finden in Europa keine Parallele dazu. Auch hier haben wir besonders seit Anfang des XX. Jahrhunderts — in Frankreich seit dem 70er Kriege — eine Bevölkerungsfrage. Aber in Europa ist es der Geburtenrückgang, der diese Folgen gezeitigt hat. Es ist über diese Frage eine ganze Bibliothek geschrieben worden, und wir wollen und können in diesem Zusammenhange unmöglich auf alle die sich häufig völlig widersprechenden Gründe eingehen, die man dafür verantwortlich gemacht hat. Aber wir glauben keinem Widerspruch zu begegnen, wenn wir behaupten: Der Geburtenrückgang und insbesondere seine Folge, der gefürchtete Bevölkerungsstillstand, sind in Europa kein Problem, das durch den Arzt, durch die Hygiene zu lösen ist*). Die Verhältnisse in der Türkei sind durchaus verschieden von den europäischen; von Geburtenrückgang ist nichts zu merken. Die Geburtenhäufigkeit ist sogar eine außerordentlich große (u. a. begründet in den frühen Heiraten der Frauen). Von „mangelndem Nahrungsspielraum" zu sprechen, heißt die Tatsache völlig verkennen; denn die Türkei vermag, auch ohne das Niveau europäischer Landwirtschaft zu erreichen, das Doppelte und Dreifache ihrer bisherigen Bevölkerung zu ernähren. Auch bei ihrer bisherigen landwirtschaftlichen Technik ist die Türkei keineswegs stark bevölkert. Wenn trotzdem die Frage der Bevölkerungsbewegung eine so fundamentale Bedeutung annimmt, wenn ernsthafte Politiker in einem Bevölkerungsfortschritt die wichtigste Zukunftsfrage für die Türkei sehen, dann erblicken sie die Gefahr in der ganz abnorm großen Sterblichkeit, die in fast allen Teilen der Türkei eine Bevölkerungsstagnation hervorgerufen hat, in Anatolien sogar — wohl hauptsächlich durch die Syphilis — einen Bevölkerungsrückgang.**) Um die ganze Sachlage auf ein Schlagwort zu bringen, könnte man vielleicht sagen: Für die Türkei ist das Bevölkerungsproblem ein hygienisches, ärztliches***). Dieser Umstand ist für die weitere Entwicklung der Türkei von weittragender Bedeutung, und die Perspektiven, die sich daraus ergeben, sind unserer Ansicht nach nur günstig zu nennen; denn es dürfte wohl klar sein, daß ein Land, dessen Bevölkerungsstillstand durch hygienische Maßnahmen behoben werden kann, wie die Türkei, mit viel größerer Zuversicht in die Zukunft sehen kann, *) Man könnte einwenden, daß durch die ältliche Tätigkeit die Sterblichkeit noch weiter eingedämmt werden kann, aber wir wissen, daß wir in Europa in diesem Punkte nur noch ganz langsam vorwärts kommen können, das Tempo der Geburtenabnahme jedenfalls ein bedeutend schnelleres ist. **) Der Krieg wirkt in dieser Hinsicht naturgemäß sehr ungünstig durch die starken Bevölkerungsverluste von Männern in zeugungsfähigem Alter. ***) Die Einwanderungen der Muhadschiere fallen demgegenüber — so bedeutend sie nach dem Balkankriege gewesen sein mögen — kaum ins Gewicht. Sie dürften nach dem Kriege infolge der günstigen ökonomischen Lage der Mohammedaner in den Mutterländern bald gänzlich versiegen. In jedem Falle erscheint uns die Annahme, die Lösung der Bevölkerungsfrage für die Türkei in der Muhadschiereinwanderung zu sehen, als völlig verfehlt.

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