Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus in der Türkei
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 438 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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438 Fritz Sternberg: zunehmen, wird auch die zionistische Strömung anwachsen. Ich bin aber ein Gegner des Zionismus. Ich bin gegen eine Einwanderung der Juden in Palästina . . . Meiner Meinung nach ist der Zionismus eine sehr schädliche Bewegung für das türkische Reich, und ich tat mein möglichstes, und tue es auch heute noch, um einer Erweiterung dieser Bewegung in diesem Lande entgegenzuarbeiten. Ich halte dies für meine Pflicht. . . "*) Der Zionismus kann über diese Worte zur Tagesordnung übergehen; naturgemäß wird die augenblickliche Lage der palästinensischen Judenheit nicht günstiger, wenn sie mit ihrem ganzen Leben von einem Manne abhängig ist, der ihr im Innersten seines Herzens so wenig wohl will. Aber der Zionismus arbeitet ja nicht für Monate, nicht für Jahre — seine Arbeit währt so lange, bis das jüdische Volk seine Wiedergeburt im Lande der Väter erlebt hat; und in wenigen Jahren werden sich — wie wir aus guten Gründen hoffen — die Vorteile einer starken jüdischen Einwanderung nach der Türkei so offensichtlich zeigen, daß kein türkischer Staatsmann sich ihnen verschließen kann, und so die Worte Dschemal Paschas nur noch historischen Wert besitzen. Bevor wir die Einwirkung des Zionismus auf die Türkei darstellen, wollen wir uns in aller Kürze mit den türkischen Problemen beschäftigen. Zwei Fragen sind es, die die Türkei — insbesondere nach der jungtürkischen Revolution — beschäftigen und die unbedingt eine befriedigende Lösung erheischen, wenn die Türkei einer gesunden staatlichen Entwicklung entgegengehen soll: das Finanz- und das Bevölkerungsproblem. Über das Finanzproblem herrscht im allgemeinen Einigkeit; wenige Andeutungen werden daher genügen. Die türkische Handelsbilanz ist seit Jahrzehnten passiv gewesen, ohne Gegenwerte zum Ausgleich des Einfuhrüberschusses zu besitzen. Die Folgen sind bekannt: Anleihen auf Anleihen, Pumpwirtschaft in der schädlichsten Form, damit Aussaugung des Landes. Die Jungtürken sind bestrebt, dieser Entwicklung entgegenzutreten, und die Aufhebung der Kapitulationen gibt ihnen reiche Betätigungsmöglichkeit. Man will die Einfuhr durch gesetzgeberische Maßnahmen auf das Notwendigste beschränken und ferner durch starke Erhöhung der Zölle die einheimische Industrie**) erweitern bzw. neu schaffen, die Bodenschätze durch intensive Bewirtschaftung möglichst ausnützen und hofft auf diese Weise ein Gleichgewicht zwischen Ein- und Ausfuhr herzustellen, oder sogar zu einer aktiven Handelsbilanz zu gelangen. Erfolge können diese Maßnahmen — auch wenn alle anderen Voraussetzungen gegeben sind — naturgemäß nur dann haben, wenn das Bevölkerungsproblem einer befriedigenden Lösung entgegengeführt wird. Wir müssen bei diesem Punkte etwas verweilen; er ist unserer Ansicht nach der wichtigste für den Neuaufbau des türkischen Reiches, Das wissenschaftliche Material läßt uns hier gar sehr im Stich. Das ist kein Wunder, denn eine genaue Bevölkerungsstatistik gab es bisher in der Türkei nicht, und so sind wir sowohl bei der Frage der Bevölkerungszahl, wie auch insbesondere bei der Bevölkerungsbewegung auf Schätzungen angewiesen. *) Siehe Deutsche Politik, 2. Jahrg., Heft 23, S. 725 **) Insbesondere ist hier an das Textilgewerbe und alle landwirtschaftliche Produkte verarbeitenden Industrien gedacht.