Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die "kleinen Nationen"
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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434 M. R.: Und wie sie organisieren? Jedenfalls keine Interessenverbände! Interessenverbände sind Mechanismen, keine Organismen. Organismen wachsen, Mechanismen werden gemacht. Der zwangsläufige Mechanismus des Interessenverbandes gibt nie Gemeinschaftsgeist, sondern bestenfalls „Korpsgeist". Interessen kann der Einzelne sehr viele haben und sie scheiden mehr als sie verbinden. Man kann aus Interesse für die Industrie gegen das Agrariertum eintreten und hier als „Arbeitnehmer" gegen die „Arbeitgeber" sich vereinigen und wieder als „gelernter Arbeiter" dem „ungelernten Lohndrücker" die Existenzmöglichkeit unterbinden wollen, und wird zugleich (wenn es sich lohnt) erbittert die Interessen Buxtehudes gegen jene von Krähwinkel verteidigen. Z. B. soweit es geht, die Verpflegung von Mecklenburg, wenn man Mecklenburger ist, besser stellen wollen als die von Preußen. Oder als deutscher Jude gegen die polnischen Juden auftreten. Oder als deutscher Balte und Gutsherr begeistert „das Leben für den Zaren" geloben und sogar hingeben. Denn „Interesse" ist nicht nur in einem grob-materiellen Sinne zu verstehen, sondern auch in einem vulgär-idealistischen, der das Movens der unethischen Gemeinschaft ausmacht. Jener Gemeinschaft, die sich Selbstzweck ist. Und der sie beherrschende Korpsgeist kann sogar bis zum Heroismus gehen; aber es ist klar, daß wir auf diesem Wege nie zu einer Menschheit gelangen. Zum Beispiel: „Die Erfolglosigkeit der internationalen Sozialdemokratie im Internationalismus kommt vom . . . Klassenkampf" (Rubiner in „Das Ziel"). Gewiß, Die antiideologische Sozialdemokratie, die als. reiner Interessenverband der arbeitenden Klassen sich prinzipiell desethisiert hat, war ihrem Wesen nach nie gegen den Krieg. Siehe unzählige Äußerungen von Marx und Engels. Ihr „Proletarier aller Lärider, vereinigt auch!" hatte daher nur bedingte Gültigkeit*). Wie, der Krieg ist nicht im Interesse des Proletariats? Aber man könnte sich sehr wohl einen solchen denken. Etwa gegen „Wilde". Dies gibt dann „sozialdemokratische Kolonialpolitik". Brauchbar ist somit nur die gewachsen-organische Gemeinschaft, die sich auf natürlichem Wege aus der Keimzelle der Familie ergibt: das Volk. Das Volk ist eine praktische Notwendigkeit zur Realisierung der Menschheit. Das gemeinsame Interesse verpflichtet nicht zur Liebe, aber Brüder sollen einander lieben, auch wenn ihre Interessen nichts miteinander gemein haben. Und nicht durch das Interesse, nur durch die Liebe gelangt man zur Menschheit. Nicht zu sehr nationalisiert, nein, zu wenig nationalisiert — sowie wir es verstehen — dünkt uns somit die Welt. Keines der kriegführenden Völker besitzt eine geisterfüllte Volksgemeinschaft, in der alle Glieder in Liebe verbunden sind. Als Interessenten zogen sie gegeneinander, und als Interessenten würden sie, bei Vorhandensein eines entsprechenden Apparates, auch im Innern sich bekriegen. Scheint manchem diese Behauptung gewagt bei jenen Völkern, die sich schon vor längerer Zeit konsolidiert haben, so ist sie evident bei den jetzt erst erwachenden. Die Stämme, aus denen sich heute ein albanisches Volk herauszukristallisieren beginnt, leben in ständiger Fehde; und es ist ein Leichtes, eine Anzahl von ihnen *) Daß die (offizielle) Sozialdemokratie doch jetzt in Stockholm wieder darauf zurückkommt, ist, wie die deutsche Minorität in ihrem Memorandum betont hat, weiter nichts als Opportunismus.