Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die "kleinen Nationen"
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 433 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101132-3102494--1787-3102528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE „KLEINEN NATIONEN" Sie sind heute Trumpf. Angeblich opfern sich für sie die großen Nationen, Das heißt: nachdem die großen Nationen in sinnlosem Wüten Ströme Blutes vergossen hatten, kam der Augenblick, in dem sie nach einem moralischen Hintergrund suchten, und da verfielen sie auf die sogenannten „kleinen Nationen". Erst waren es die Belgier und die Serben, dann kamen hinzu von hüben und drüben die Polen, Litauer, Armenier, Ukrainer, Flamen, Albaner und last and least die Juden. Und so gewiß es ist, daß Entschuldigungsgründe immer besser sind als Absichten, so sicher ist es, daß die Erstrebung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker und die Anwendung dieses Grundsatzes auf jene konkreten Fälle eine gute Sache ist. Es gibt manche, die daran zweifeln. Ich meine nicht die Imperialisten jener Völker, die die Macht und wenn vielleicht nicht das Bestimmungsrecht über sich selbst, so doch jenes über andere haben. — Es gibt solche, die neue Schwierigkeiten für die Idee der Menschheit fürchten. „Sollte man es wohl glauben", ruft Ludwig Rubiner in einer Streitschrift gegen den Zionismus*) aus, „daß Menschen heute noch, nach allen unseren Erfahrungen, der Meinung sind, es gäbe immer noch zu wenig Nationen, die Welt müsse immer noch stärker nationalisiert werden! . . . Für ihn (Gott) sind wir Menschen der Menschheit. Es gibt nichts, das wesentlicher wäre!" Es steht uns nicht an, uns, die wir die Nation bejahen, einen Satz wie diesen letzten nach schlechten Mustern mit einem achselzuckenden „Humanitätsduselei" abzutun. Man spreche nicht von „Sentimentalitäten", von „Völkerbrei", aber auch nicht von einem „schönen Traum" und wie diese Schlagworte sonst lauten, mit denen ein Ideal zu einer leeren Phrase oder zu einer Verstiegenheit gestempelt werden soll. Nein! „Menschen der Menschheit!" Ja! „Es gibt nichts, das wesentlicher wäre!" Jedoch: Wollen wir nicht — über eine rein persönliche Sympathiekundgebung hinaus — Ernst machen mit dem Bau der Menschheit? Und welches ist da unser Material? Welches sind denn die Menschen, die wir zur Verfügung haben? Ja, es sind Menschen, aber keine Menschen der Menschheit. Nicht einmal Menschen der Gemeinschaft ihrer „Nächsten", meist Menschen, deren Empfinden nur so weit reicht als ihre Haut**), bestenfalls Menschen der Familie. Die müssen erst organisiert werden, sonst bilden sie keine Menschheit, sondern einen „Sauhaufen" (wie der Feldwebel zu sagen pflegt). *) „Legende vom Orient" im Buch „Der Mensch in der Mitte" (Verlag der Aktion, Berlin- Wilmersdorf 1917). **) Die einzige Vereinigung von Menschen, die sie kennen, ist fast ausschließlich die sexuelle. Das Gefühl, das sie dazu treibt, hat aber auch seinen Sitz auf der Epidermis. Heft 7. 29