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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 431

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Flüchtlinge und Helfer
Date
1920-01-01
Page
431 (sequence 4)
Language
German
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Daten und Materialien 431 konnten die Flüchtlinge verschiedene Arbeiten als Hilfsmannschaften hinter der Front verrichten. Solange der Zug sich auf der Wanderschaft befand, wo man nur daran denken mußte, die Masse vor dem Hungertode zu retten, konnte man nicht immer der geistigen Nahrung der Flüchtlingskinder Zeit und Sorgfalt widmen. Aber bald wuchs die Sorge um die Zukunft der heranwachsenden Generation und gestaltete sich zu einem ernsten Problem, das sofort gelöst zu werden verlangte. Tausende von Kindern waren von der Schulbank gerissen, waren dem Einflüsse ihrer Lehrer und Führer entzogen und so der Gefahr der schlimmsten moralischen Verwilderung ausgesetzt. Aber die jüdische Öffentlichkeit hatte auch auf diesem Gebiete vorgesorgt und noch in Friedenszeiten einen großartigen Apparat in Bewegung gesetzt, der jetzt mit sicheren und erfahrenen Händen das neue Problem anpackte; ich meine die „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland", die die russischen Juden scherzweise das „jüdische Ministerium für Volksaufklärung" nennen, und in diesem Scherz ist eine gute Dosis Wahrheit enthalten. Diese Gesellschaft übernahm nun die Sorge für die Schulbildung der Flüchtlingskinder, indem sie überall, wo Flüchtlinge hinkamen, Schulen gründete, selbst wenn die Flüchtlinge die einzigen Juden in dem betreffenden Orte waren. Oft sogar entsprachen diese neugegründeten Schulen viel mehr den neuesten Anforderungen als die verlassenen alten. Als Folgeerscheinung dieser Schulgründungen tauchte alsbald mit neuer Wucht der Sprachenkampf wieder auf. Und wenn auch hie und da die Formen, die dieser Streit annahm, nicht erfreulich waren, so war es doch ein erfreulicher Anblick: ein Volk, das soeben alle Greuel des Krieges miterlebt, alle Grauen einer Deportation ertragen hat, geht sofort, nachdem es sozusagen seinen physischen Hunger gestillt hat, daran, seine kaum ruhengelassenen Kulturkämpfe zum Austrag zu bringen. Wie stark die geistigen Bedürfnisse iu unserem Volke sind, beweist die Tatsache, daß es mitten in den Kriegswirrnissen, mitten in der Deportation und Heimsuchungen aller Art so viel Kraft und Energie aufbringen konnte, um die Mittel aufzutreiben, in Jekaterinoslaw die erste jüdische Hochschule zu gründen: das jüdische Polytechnikum, dessen nationaler Charakter uns garantiert wird durch die Namen Bialik und Dubnow, die dem Aufsichtsrate angehören. Außerdem sind eine Reihe literarischer Fonds geschaffen worden: ein Bialikfonds (aus Anlaß seines 25 jährigen Dichterjubiläums), ein Frugfonds, einPerezfonds und andere. Auch sind im Kriege neue Lehrerseminare gegründet worden, so in Odessa. Ebenso wurde z. B. das Grodnoer Lehrerseminar erweitert und nach Charkow verlegt. Die jüdische Flüchtlingsmasse, die durch die erlittenen Schicksale aus der gewohnten Lebensweise gerissen war, welche in hygienischer Beziehung, auch zu Friedenszeiten, sehr viel zu wünschen übrig ließ, bedurfte besonders der ärztlichen Hilfe. Diese Sorge nahm die „Jüdische Gesellschaft für Überwachung derVolksgesundheit" auf sich. Nach allen Orten der Flüchtlingsansiedelungen, entsandte sie ihre Sanitätskolonnen, die aus Ärzten und Sanitätern bestanden. Diese Gesellschaft entwickelte ihre Tätigkeit so erfolgreich, daß sie aus einem ziemlich unbekannten, noch vor dem Kriege entstandenen Wohltätigkeitsverein sich zu einem mächtigen sozialen Faktor auswuchs, mit dem sogar die alte Regierung zu rechnen begann. Ein Millionenbudget hatte diese Gesellschaft, und auf ihrer letzten Tagung beschloß sie, im Bewußtsein, auch dem ganzen Lande nützlich zu sein, die Regierung um eine bedeutende Subvention zu ersuchen, und begründete ihre Forderung mit der Darlegung, daß ihre Tätigkeit derartige Dimensionen angenommen habe, daß sie ohne Regierungszuschuß ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen könne. Das russische Judentum wendete aber seine Aufmerksamkeit auch Dingen zu, die vom Standpunkt des gewaltigen Volkserlebens keinen Anspruch auf augenblickliche Notwendigkeit erheben konnten. So z. B. übernahm die , Jüdische Gesellschaft für Geschichte und Ethnographie" den Schutz und die Pflege der Altertumsdenkmäler. Und mehr als eine wertvolle Urkunde, mehr als eine einzige jüdische Reliquie wurde dank ihrer Bemühungen geborgen und vor dem Untergange gerettet. Zum Schlüsse möchten wir noch einmal unterstreichen, aus welchen Quellen die Millionen geschöpft wurden (25 im Laufe von 2 Jahren), die zur Liquidation der Katastrophe notwendig waren. Es ist wohltuend, die Tatsache hervorzuheben, daß das russische Judentum in seinem Elend nicht verlassen dastand. Das ausländische Judentum sandte brüderliche Hilfe. Man muß auch betonen, daß die russische Regierung selbst, von den einander widerstrebenden Tendenzen zerrissen,

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