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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 430

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Flüchtlinge und Helfer
Date
1920-01-01
Page
430 (sequence 3)
Language
German
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430 Daten und Materialien selbst verdiene, damit die Bitterkeit seiner Lage nicht noch mehr verschärft werde. Kaum hatte das Petrograder Komitee Zeit gefunden, die erste Hilfe zu leisten, als das Leben schon andere Aufgaben in den Vordergrund rückte, die sofortige Lösung erheischten. Es genügte nicht, die Leute vom Hungertode gerettet zu haben, man mußte sie alle auch unterbringen. In der Hitze des ersten Augenblicks dachte niemand daran, in welcher Form die Hilfeleistung sich äußerte. Aber schon nach einiger Zeit fing die jüdische Allgemeinheit, besonders in ihrem demokratischen Teil (ein schöner Beweis dafür, wie sehr er gewachsen ist) an, sich um das Schicksal der Flüchtlinge zu beunruhigen, falls man auch weiter fortfahren sollte, ihnen Hilfe in der Form von Wohltätigkeit zu leisten, wie es im ersten Augenblick notgedrungen geschehen mußte. Es lag ja auf der Hand, daß das Heer der Flüchtlinge, das in ihrer Heimat ein selbständiges Leben führte und wohl an das Geben, aber nicht an das Nehmen gewöhnt war, nicht als professionelle Bettlerschar betrachtet werden durfte. Die Männer der jüdischen Öffentlichkeit begriffen, daß, wenn die Hilfe keine rein soziale Form annähme, der Flüchtlingsmasse die ernsteste Demoralisation drohe, was in Anbetracht der Zahl der Flüchtlinge sich zu einer schweren nationalen Gefahr auswachsen könnte. Außerdem war es einem jeden klar, daß dieses Flüchtlingsheer auf die Dauer auf Kosten der Allgemeinheit zu unterhalten, eine Sache der Unmöglichkeit war. Keine Millionen würden ausreichen. Auch müßten die Mittel immer wieder mit Hilfe der gewohnten Wohltätigkeitssammlungen herbeigeschafft werden, was sich auf die Dauer kaum bewerkstelligen ließe. Daher wurde folgende Parole ausgegeben: Selbstbesteuerung und Arbeitshilfe. Kein Almosen erbat man vom jüdischen Bürger, sondern die Entrichtung eines gewissen Teiles seiner Einnahme, eine Steuer forderte man von ihm. Nicht auf Kosten der Allgemeinheit wollte man diese heimatlos gewordene Schar unterhalten, sondern man wollte sich beeilen, ihr durch eigene Arbeit die Möglichkeit zu geben, sich ihr Brot zu verdienen. Und diese vom Leben selbst diktierte Parole wurde aufs glänzendste durchgeführt. Die schon vor dem Kriege existierende „Gesellschaft zur Verbreitung der landwirtschaftlichen und gewerblichenTätigkeit unter denjuden" kam dem Komitee zu Hilfe. Sie gründete nach Maßgabe der allmählichen Ansiedlung der Flüchtlinge Vermittlungsbureaus für Personen, die Arbeit suchten. Augenblicklich zählt diese Gesellschaft mehr als 200 solcher Bureaus, die über das ganze russische Reich verstreut sind und sich mit den anderen im engsten Kontakte befinden. Durch Vermittlung dieser Bureaus haben Zehntausende von Flüchtlingen die Möglichkeit gefunden, sich durch selbständige Arbeit zu ernähren. Mit großer Freude konnte man diesen Prozeß der „Laborisation" der Flüchtlingsmassen verfolgen, das stete Abnehmen der Zahl der Personen, die die Mildtätigkeit in Anspruch nahmen. Die Liebe zur Arbeit und Selbständigkeit war so groß, daß die Flüchtlinge glücklich waren, sobald sich ihnen die geringste Gelegenheit bot, auf die Hilfe des Petrograder Komitees zu verzichten. Es wurden viele Fälle registriert, wo der gestern noch bemittelte Kaufmann auf einem Wägelchen Früchte oder Gemüse verkaufte, zufrieden in dem Bewußtsein, daß er sich und seine Familie durch eigene Arbeit ernähren konnte. Das Budget dieser Gesellschaft betrug für 1914 (vor dem Krieg) in Rubeln: 54000, 1916 : 436527, der Etat für 1917 : 620075. Die Mitgliedsbeiträge, die vor dem Kriege 7—8 000 R. betrugen, werden im Etat 1917 auf 100000 geschätzt. Zur Durchführung des Prinzips der Arbeitshilfe war es notwendig, daß das Komitee die Hilfe der anderen wirtschaftlichen Organisationen, die schon vor dem Kriege in der jüdischen Gasse tätig waren, in Anspruch nahm. Ich meine die jüdische Spar- und Darlehnkasse, die den ganzen Ansiedlungsrayon und einen Teil des inneren Rußland mit einem Netz von Filialen überzogen hat und deren Fäden mangels einer anderen von der Regierung zugelassenen Form der Vereinigung in der ICA zusammenlaufen. Noch vor dem Kriege zählte diese jüdische Darlehenskooperation mehr als 500000 Mitglieder und hatte einen Umsatz, der sich auf fünfzig Millionen Rubel belief. Die Existenz einer solchen gewaltigen wirtschaftlichen Organisation im Augenblick der Katastrophe war ein großes Glück für die heimgesuchten Flüchtlingsmassen. Mit Hilfe dieser Organisation konnte der Flüchtling in seinem neuen Wohnorte, nachdem er Mitglied der örtlichen Kooperative geworden war, sofort den für die erste Einrichtung notwendigen Kredit erhalten, und dank dieser unschätzbaren Unterstützung war es ihm möglich, sich wieder eine Existenz zu gründen. Durch die vermittelnde Hilfe dieser selben Genossenschaften

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