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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 432

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Flüchtlinge und Helfer
Date
1920-01-01
Page
432 (sequence 5)
Language
German
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432 Daten und Materialien mit der einen Hand Hunderttausende von Juden von ihrem heimatlichen Herde verjagte, mit der anderen Millionen hergab, um allen von ihr zugrunde Gerichteten zu helfen. Aber den Grundstock bildeten diejenigen Millionen (etwa 10), die das russische Judentum selbst nach dem Prinzip der Selbstbesteuerung aufgebracht hat. Das russische Judentum kann mit Stolz sagen, daß das Hilfswerk für die Kriegs flüchtlin ge in erster Linie sein eigenesWerk war. So kommen wir zu folgendem Schlüsse: Das russische Judentum hat die Katastrophe vor allen Dingen durch sein hochentwickeltes nationales Selbstgefühl überwunden. Im Lauf der letzten 30 bis 40 Jahre hatte es durch intensive schöpferische nationale Arbeit seine Position sehr ausgebaut. So kam es, daß, als die Katastrophe über es hereinbrach, es nicht ohne Boden unter den Füßen und hilflos dastand. Wie bereits gesagt, besaßen die russischen Juden schon im Augenblick der Katastrophe ein Netz kultureller und wirtschaftlicher Organisationen, die sich rasch den Forderungen und Bedingungen des Augenblicks anpaßten. Erst einmal auf der breiten Heerstraße der sozialen Aufbauarbeit angelangt, mit MiHonenbudgets zu operieren gewöhnt, hat sich die jüdische Öffentlichkeit ihren Gesichtskreis erweitert, hat sich zu einer noch nicht dagewesenen Höhe aufgeschwungen, so daß sie aus diesem Kriege erstarkt, geläutert und vertieft hervorgehen wird. Die schönen Losungsworte, von denen oben die Rede war, die allgemeine nationale Hilfspflicht (die der jüdischen Masse die ihr entfremdete Intelligenz wieder zuführte, ein Vorgang von großer Tragweite), die Selbstbesteuerung, die Selbst- und Arbeitshilfe, — dies alles erscheint nur als Folge des gefestigten national-sozialen Bewußtseins des russischen Judentums. Und wenn man berücksichtigt, unter welchen schrecklichen politischen und rechtlichen Bedingungen die Tätigkeit der oben genannten Organisationen sich abwickelte, in welcher Atmosphäre sie zu wirken genötigt waren — in einer von Anschuldigungen und Verdächtigungen jeglicher Art verpesteten Atmosphäre —, wird einem klar, wie lebensfähig dieses Volk ist, welche aufbauenden Kräfte es in sich birgt. Eine der ersten Taten des neuen Rußlands war die Aufhebung sämtlicher Einschränkungen, die durch Konfession und Nationalität bedingt waren. Dies ist durch die Verordnung der provisorischen Regierung vom 21. März a. St. dieses Jahres bekräftigt. Aber dieses Gesetz bedeutet nur die negative Lösung der nationalen Frage. Zur Lösung der positiven Seite wird natürlich nicht nur ein Federstrich notwendig sein. Man wird an eine komplizierte und schöpferische Arbeit heranzutreten haben. Man wird die Bedingungen, die Organe, die juridische Sanktion schaffen müssen, ohne die die Parole vom Recht der Nationalität auf Selbstbestimmung nur ein leerer Schall bleiben wird. Die jetzige Regierung Rußlands hat vernünftigerweise die Lösung dieser Frage der Konstituante überlassen. Alle Völkerschaften Rußlands werden dahin mit ihren Wünschen und Hoffnungen kommen. Die russischen Juden, die sich auch als Nation fühlen, werden es natürlich auch nicht versäumen, mit ihren nationalen Forderungen hervorzutreten. Zu diesem Zweck haben sie beschlossen, in nächster Zukunft eine jüdische konstituierende Versammlung einzuberufen. Wir können nicht vorher sagen, was diese fordern wird, Gemeinde-Selbstverwaltung, national-kulturelle oder national-politische Autonomie; ob das Organ der jüdischen Selbstverwaltung -Sejm oder jüdische Duma oder irgendwie anders heißen wird. Eines nur kann auf Grund obiger Ausführungen mit Bestimmtheit gesagt werden: das Leben der Juden in Rußland hat den Boden, die Erziehung und somit die Reife zu einer Selbstverwaltung geschaffen. Einstweilen trägt der hierdurch geschaffene Apparat noch den Charakter freier Verbindungen. Aber die Sanktionierung dieses Apparates durch den Staat kann nicht ausbleiben. J. Beham Berichtigung. In der Bemerkung „Saulus" Heft 4, Seite 278, 1. Spalte, 7. Zeile soll es statt „aus Holz" richtig heißen: „ans Holz". Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin W 15, Düsseldorfer Straße 52. — Für Österreich-Ungarn: Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.

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