Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Flüchtlinge und Helfer
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 429 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Daten und Materialien 429 allen Mängeln, die nachträglich diesem Komitee vorgeworfen wurden, muß man ihm doch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß es nach einmütigem Zeugnis, nicht nur der russisch-jüdischen, sondern auch der allgemeinen Presse, den Kopf nicht verloren und mit seltener Tüchtigkeit und Sachlichkeit das Hilfswerk für die Kriegsflüchtlinge organisiert hat. Und in moralischer Hinsicht sind die Verdienste des Komitees wohl noch viel größer. Durch Vermittlung seiner Mitarbeiter, die zu vielen Tausenden zählten, gelang es ihm, die in erster Zeit vollständig kopflos gewordene verzweifelte Masse zu trösten und zu beruhigen. Das Komitee genoß eine solche Popularität unter den Kriegsflüchtlingen, daß irgendwo nur sein Bevollmächtigter aufzutauchen brauchte, um durch seine bloße Anwesenheit die Massen zu beruhigen. Das Bewußtsein: ein Komiteeabgesandter ist da, genügte; nun wußten sie, es werde für alles ausreichend gesorgt sein. Wie auf den Wink eines Zauberstabes waren gleich die verschiedensten Kommissionen da. In erster Reihe stehen die sogenannten Eisenbahn-Kommissionen, die mit Hilfe der studierenden und anderen Jugend die erforderlichen Listen anfertigten, die der Eisenbahn- Verwaltung eingereicht werden mußten, um eine unentgeltliche Fahrt zu erwirken, und auch eine Marschroute,- die den Interessen der Passagiere angepaßt und nicht durch die Willkür oder die Laune eines Stationsvorstehers geregelt wurde. Die russisch-jüdische Presse registrierte unaufhörlich Fälle, in denen die Jugend Nächte hindurch mit dem Zusammenstellen solcher Listen beschäftigt war. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß diese ganze Armee der Hilfskräfte freiwillig war, daß sie keinerlei Vergütung für rfire überanstrengende Tätigkeit erhalten hat. Ein bezahltes Heer hätte auch kaum diese Aufgabe zu bewältigen vermocht, denn die liebevolle Art, mit der unsere Jugend an ihre Arbeit herangegangen ist, die Wärme und Herzlichkeit, mit der sie den Hartgeprüften begegnete, wäre mit keinem Gelde zu erkaufen gewesen. Zur gleichen Zeit mit dieser Kornmission wurden Kommissionen für die Ernährung, für die Bekleidung, für die Ob- Nachfrage gebildet. Man hatte sogar noch *e Kraft und die Energie, Schulkommissionen 2u bilden, welche Feldschulen buchstäblich am Wegesrande gründeten. Und hinter allen lesen Kommissionen stand das Petrograder Komitee, das mit freigebiger Hand die nölgen Littel verteilte. Die Fürsorge des Komitees erstreckte sich nicht nur auf die Wegbeförderung der Massen. Sie waren auch noch unterwegs und an ihrem neuen Bestimmungsorte von der Sorgfalt der Mitarbeiter des Komitees umgeben. Kaum war ein Flüchtlingszug zusammengestellt, so entsandte das Komitee sofort einen Bevollmächtigten, der während der ganzen Reise als Vermittler zwischen den unglücklichen Passagieren und dem keineswegs entgegenkommenden Eisenbahnpersonal fungierte. Unterwegs wurden telegraphisch sämtliche auf der Strecke liegende jüdische Gemeinden und besonders die der Bestimmungsorte benachrichtigt. Diese organisierten bei sich an Ort und Stelle verschiedene Kommisionen für die Einquartierung, Beköstigung und Kleiderversorgung der ankommenden Flüchtlinge. Indem wir die gewaltigen Verdienste des Petrograder Komitees hervorheben, müssen wir natürlich auch hervorheben, daß seine Tätigkeit ganz undenkbar gewesen wäre ohne die ausschließliche, selbst im jüdischen Milieu beispiellose Bereitwilligkeit, die die gesamte russische Judenheit bewiesen hat. Die jüdische Bevölkerung begegnete den Unglücklichen nicht wie Bettlern, die des Almosens bedürfen, sondern wie eigenen Angehörigen, wie Brüdern. Kaum war ein Flüchtlingszug angelangt, so wartete seiner auf dem Bahnsteig Milch, Eier, Käse, Fleisch und Brot im Überfluß. Nichts war der brüderlichen Hilfeleistung zu gunsten der Unglücklichen im Wege, nicht einmal die strengen religiösen Vorschriften der Heiligung der Sabbatruhe waren ein Hindernis. Ohne Zögern erteilten die Rabbiner die Weisung, sämtliche Läden zu öffnen und die Sabbatruhe zu verletzen, sobald es sich um Erleichterung des Elends der Flüchtlingsmassen handelte. Die Rabbiner gingen sogar oft ihrer Gemeinde mit diesem Beispiele voran. Die einfache jüdische Masse bewies eine ganz besondere Warmherzigkeit und Feingefühl. Es geschahen gerade in ihrer Mitte Wunder der Menschenliebe und des zartesten Verständnisses für menschliches Erleben. Der einfache Mann teilte nach einmütigem Zeugnis der gesamten Presse mit den Flüchtlingen alles vom letzten Bissen Brot bis zum letzten Kopfkissen. Um das Ehrgefühl des Nehmenden nicht zu verletzen, geschah es durchweg z. B., daß der kleine jüdische Krämer einen Flüchtling als Angestellten in sein Zwerggeschäftlein, das kaum den Besitzer ernähren konnte, aufnahm, damit es heiße, daß der Flüchtling sich sein Stückchen Brot