Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 428

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Flüchtlinge und Helfer
Date
1920-01-01
Page
428 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101131-3102301--1778-3102470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DATEN UND MATERIALIEN Flüchtlinge und Helfer Es ist noch verfrüht, den Versuch einer erschöpfenden Abschätzung dessen zu unternehmen, was das Judentum in Rußland während des Krieges geleistet hat, um sich allen feindlichen Elementen zum Trotz zu behaupten. Doch will es uns scheinen, daß man sich schon jetzt selbst eine ziemlich klare Vorstellung davon machen kann. Es ist bekannt, wie die Regierung des Zaren das patriotische Verhalten der Judenheit beantwortete. 500000 Juden wurden ohne Unterschied des Geschlechts, des Alters und des Gesundheitszustandes aus ihren Wohnsitzen vertrieben, auf die allgemeine und durch nichts begründete Anschuldigung hin, daß sie und das ganze russische Judentum der Spionage und des Landesverrates schuldig seien.*) Wie das Vieh wurden sie auf Frachtwagen verladen. Jedem Gendarmen und Eisenbahnbeamten waren die unglücklichen Vertriebenen ausgeliefert, und diese wetteiferten miteinander in der Erfindung der ausgeklügeltsten Quälereien. Wenn auch weite Kreise der russischen progressiven Gesellschaft, die übrigens ganz vom Kriege in Anspruch genommen war, ihren aufrichtigen und zornigen Protest, ihr heißes Mitgefühl ausdrückten, so war ihre Stimme in jener Zeit doch sehr schwach und die triumphierende und kriegerische Reaktion dermaßen stark, daß der Protest der Besten Rußlands durch das wilde Geheul der „Schwarzen Hundert" erstickt wurde. Die Protestresolutionen, die auf allen Tagungen der verschiedensten Organisationen gefaßt wurden; der Almanach „Schild", der auf die Initiative Maxim Gorkis zum Besten der jüdischen Flüchtlinge herausgegeben wur- *) Die Untersuchungen des jetzigen Ministerpräsidenten Kerenski, der persönlich die Untersuchungen leitete, ferner eine Reihe von Prozessen vor den Kriegsgerichten, welche durchgängig diese unschuldigen Opfer freisprachen, haben der russischen Gesellschaft und der ganzen Welt die Lügenhaftigkeit all dieser Verleumdungen bewiesen. de, und an dem die besten Kräfte des literarischen Rußlands teilnahmen; die von denselben Kreisen geschaffene „Gesellschaft zur Annäherung an die Juden und zum Kennenlernen ihres Daseins" mit Gorki an der Spitze; endlich die einzelnen Abteilungen der sanitären Hilfe für die jüdischen Flüchtlinge, die aus Initiative und Mitteln der besten russischen Leute entstanden ist — all das war viel zu wenig, um die schwere und tiefe Wunde zu schließen, die man der russischen Judenschaft beigebracht hatte. Der Augenblick war gekommen, an dem selbst so mancher im jüdischen Lager den Mut verlor und nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, ob sein Volk, das so viel durch seine Zerfallenheit und Desorganisation gelitten hat, als Sieger aus dieser schweren Prüfung hervorgehen würde. Das russische Judentum begriff sofort — und darin liegt sein größtes historisches Verdienst —, daß das Unglück nicht nur 500000 jüdische Personen getroffen hatte, sondern einen Teil der Nation, so daß man es also mit einer nationalen Erscheinung zu tun hatte. Und zum Kampfe mit dem selbst in unseren Annalen noch nicht dagewesenen Übel mußte man alle verfügbaren Kräfte mobilisieren. Zur Ehre der russischjüdischen Intelligenz und Jugend muß es gesagt werden, daß alles, was in ihr an lebensfähigen und arbeitskräftigen Elementen war, sich in den Dienst der nationalen Sache stellte. In der ersten Zeit konzentrierte sich alle Tätigkeit in Petrograd. Die Petrograder jüdische Gemeinde übernahm die Initiative der Gründung eines besonderen Komitees „Hilf e für kriegsbeschädigte Juden", das bald mit seinen Abteilungen ganz Rußland überzog und sich in ein gewaltiges Ressort mit einem mehrere Millionen zählenden Budget verwandelte. In den ersten Tagen stand eine ungeheure Aufgabe bevor: die hungernde und frierende Schar der 500000 Flüchtlinge zu sättigen und zu bekleiden. Zu dieser schnellen Hilfeleistung muß man auch die Organisierung der Abreise dieser halben Million Menschen rechnen, denen an manchen Orten die Abfahrt in 24 Stunden anbefohlen war. Bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.