Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Pro confessione
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 424 (sequence 3)
- Language
- German
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424 Bemerkungen monotheistischem Glauben, ethischer Strenge und messianischer Hoffnung liefert eine Unterlage für irgendwelche Beurteilung jüdischer Religionsfragen überhaupt: jede Absen wächung bedeutet hier notwendig nicht nur eine Entseelung, sondern auch eine Entwirklichung. Es läßt sich übrigens direkt historisch nachweisen, daß einzig und allein die messianische Idee, deren rationalistisch-liberale Loslösung vom Judentum dem gebildeten jüdischen Europäer der letzten Jahrzehnte vorbehalten geblieben ist, den Kern des jüdischen Verharrens in seiner unbeugsamen Eigenart, den Sinn des jüdischen Widerstandes gegen die auflösenden Tendenzen der mächtigen Umwelt von jeher bildete und sicher für weitere Zukunft bilden wird. Nur so ist jedenfalls der weltgeschichtliche religiöse Gegensatz zwischen Christentum und Judentum von seinen ersten Anfängen an zu verstehen. Zur Zeit der Reife erschien Jesus von Nazareth sich selbst und seinen Jüngern als Vollstrecker, als Heiland, als Messias. Der gleiche Anspruch wurde von mehreren unendlich Geringeren ein Jahrhundert hindurch vor ihm, von einigen weiteren nach ihm erhoben: sogar der Messias als bloßer Soldatenheld wurde in Barkochba einem zur Verzweiflung getriebenen unterdrückten Volkstum für eine Zeitspanne glaubhaft . . . Die damalige Welt der Heidenvölker, zerspalten und heilsdürstend, sagte, von den Aposteln hingerissen, zu Christus, ihrem Erlöser und Messias, gläubig Ja. Das Judentum sagte in diesem einen Punkte entsetzt Nein — und schritt sogleich durch seine offiziellen Vertreter zur äußersten Gegenmaßregel, die seiner scheinbaren Macht noch zu Gebote stand. Nie darf dieser Schritt als die weltliche Hinrichtung eines Königsprätendenten hingestellt werden, wie dies den römischen Machthabern gegenüber in beschämend kasuistischer Weise geschehen ist: die weltgeschichtliche jüdische Passionstragödie würde dadurch ihrer einzigen, nämlich der religiösen Verklärung beraubt und entwürdigt werden. Hier hat sich vielmehr der jüdische Messianismus schroff gegen den anbrechenden heidnischen erklärt, und es ist nicht unseres Rechtens, über Schuld und Sühne in diesem größten Mysterium Urteile zu fällen, wie sie mancher Ungeweihte noch heute apodiktisch auszusprechen wagt. Das Urchristentum ist anders denn als messianische Bewegung nicht gut im Geist und in der Wahrheit denkbar. Nicht der wundersame Schmelz und zwingende Zauber der menschlichen Persönlichkeit Jesu und seiner ethischen Worte haben die Bekenner der ersten Jahrhunderte überwältigt, sondern das Evangelium, die frohe Botschaft selbst: daß der Erlöser der Welt, Christus, Soter, Messias gekommen sei. Das Urchristentum ist seinem innersten Wesen nach primär eschatologisch und chiliastisch; monotheisierend, ethisch und sozial ist es nur außerdem noch, und hierin auf das stärkste vom jüdischen, besonders vom essäischen und ebionitischen Geiste beeinflußt und getragen. In jenem einzigen Punkte aber sagt das Judentum als kirchliche Gemeinschaft, als geschichtlicher Träger eines strengen Gottes- und eigenen messianischen Heilsbegriffs, auch heute noch, wie vom ersten Augenblick an, Nein. Alles andere ist Schale und Rückwirkung, Gefühlsäußerung und Reaktionsform — bald nur sich mit Mühe verschließend, wie bei Tausenden neujüdischer Menschen, die in ihrem persönlichen ethischen Bekenntnis auch auf dem Boden derEvangelien stehen, und den gewordenen christlichen Kirchen den Spiegel dieser Verkündungen entgegenhalten können; bald unerbittlich in haßerzeugender Verneinung, wie oft bei den Schriftgelehrten und dem von ihnen unterrichteten Volke. Die katholische Kirche, die sich als irdische Emanation des Heiligen Geistes, als Haus Gottes und Leib Christi fühlt (i. Kor. 12, 13; 12, 27; Eph. 1, 23; Kol. i,a8; 1, 24; usf.) — wie dürftig ist die üblich gewordene Machtdefinition gegen diesen tieferen Willen — erblickt ihre Aufgabe in der Vereinigung der schon für ewig erlösten Menscheit zu ihrer großen Einheit; ihr zorniger mittelalterlicher Vorwurf gegen das Judentum galt der unbegreiflichen Verstocktheit dieses alten Volkes, das selbst angesichts der Bezwingung des ganzen orbis terrarum an die abgeschlossene messianische Mission Christi zu glauben sich weigerte. Die morgenländische Orthodoxie hält noch heute an der notwendigen Wiederkunft des Heilands inbrünstig fest; ihr ist die gewordene Erlösung nur eine erste, unvollständige, die verbliebene Welt der Sünde ganz anders noch problematisch und quälend als für Rom. Der Protestantismus hat im wesentlichen den schwierigen Knoten durchhauen, dem einzelnen Menschen seine erlösende Freiheit aus Gottes Gnaden oder Gottes Vorbestimmung wiedergebend; so daß eigentlich und vor allem dem Protestantismus — nicht dem Judentum — jene große Duldsamkeit in allen kirchlichdogmatischen Fragen zusteht, die sich auf