Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Pro confessione
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 425 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 425 das weitherzige Wort Jesu berufen kann: „In meines Vaters Hause sind viele Räume" (Ev. Joh. 14, 2). Das Judentum aber, ob man es mit Geschichte und Volk als kirchlich und dogmatisch empfindet, oder angesichts derverlorengegangenenkanonisch-hierarchischen Gewalt nicht mehr (der formalistische Ausweg des fortgeschrittensten Westjudentums): es lebt als religiöse Einheit allein für und durch den messianischen Glauben, der alle seine religiösen Erschütterungen seit über zweitausend Jahren erzeugt und genährt hat; Essäer, Gnostiker, Zeloten, Mystiker, Kabbalisten, Sabbataisten, Chassidäer, — alle haben sie allein aus dieser nie versiegenden Quelle getrunken. Was hat es dagegen zu sagen, daß einzelne, Aufgeklärte und Entrückte, dieser Tatsache nur ihre poetische oder historisch relative Seite abgewinnen, sie trotz Mischna, Gemaraund Maimonides als nicht kanonisch, nicht dogmatisch, nicht bindend ansehen? Dem Judentum als religiöser Gesamtheit und als Idee ist es hier heiligster Ernst, und den Frommgläubigen zumal gilt das Aufgeben des Messianismus als die endgültigste Verneinung des Judentums und seiner ewigen Bestimmung. Dem aus seinem Schöße hervorgegangenen Heiland der Völker hat sich das Judentum versagt, seine unermeßlichste Hoffnung noch nicht erfüllt heißend. Den reinen und leidenschaftlichen Glauben aber an die dereinstige Erfüllung des messianischen Heils für die ganze Menschheit hat die Nation in ihrer bestimmenden Gesamtheit behalten; ihr diesen Glauben nehmen, hieße in Wahrheit, dem Judentum jeden religiösen Sinn des ferneren Lebens absprechen — es wäre dann angesichts der Entwurzelung und Entwertung so vieler seiner Stämmlinge kaum noch wert, auch kaum noch imstande, weiter zu bestehen. Der europäisch protestierende Jude mag hier über Rückständigkeit, Schwärmerei und Naive tät seine beliebigen Gedanken hegen oder äußern: er darf dies aber nicht im Namen des gläubigen Judentums tun. Er mag seine Treue — ein absolutes ethisches Gut, zu dem jede yein empfundene Begründung, auch eine objektiv noch so schwanke, begrüßt werden soll — mit den geistigen Mitteln stützen, die ihm adäquat sind. Dem zeitlosen religiösen Gedanken der Nation wird er niemals gerecht, wenn er irgendwie seine Krone verleugnet, den unveräußerlichsten Teil seines Heil- und Weistums, den nährend treibenden messianischen Glauben an hehrste Zukünfte des Menschengeschlechts. Das Gewissen des Judentums hat sich nicht einmal vom Urchristentum und seinem edelsten Begründer überzeugen lassen: wie könnte es durch das Bild der wirklich gewordenen heutigen, äußerlich und innerlich selbstzerstörerischen Christenheit überzeugt oder gar bekehrt werden? Es empfängt daraus vielmehr die eherne Mahnung, sich selbst in allen weiteren Stürmen unbedingt treu zu bleiben, und in dieser ihm bei aller heimlichen Sehnsucht und Liebe ethisch fremden und feindlich gesinnten Umwelt nimmermehr seine höchste Eigenheit zu verlieren oder auch nur zu schwächen. — Dies wollte ich sagen. Und möge das Schicksal uns davor bewahren, solche Verteidigung efter gegen Männer führen zu müssen, deren persönliches Bekenntnis in allen geistigen Dingen uns sonst unantastbar dünkt. Herman Glenn Ein verschlossner Garten*) Heft n/12 der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" vom Jahr 1916 enthält eine Veröffentlichung über „Wesen und Mission des Judentums". Der Verfasser geht darauf aus, die Gerechtigkeit als das charakteristische Merkmal des jüdischen Geistes darzutun. „In der Betonung der Gerechtigkeit vor der Liebe sehe ich das Kennzeichen der eigenartigen Willensrichtung des jüdisch-religiösen Geistes." Am Schluß der Ausführungen wird eine Forderung für die Praxis erhoben: „Die jüdische Religion oder die jüdische Gesellschaft" soll „sich der Aufgabe widmen, die Wahrung und die Fortbildung der Gerechtigkeit zu überwachen. Sie muß in ihren gesellschaftlichen Verbänden ein Zusammenwirken von Lebens-, Rechts¬ und Moralkundigen hervorrufen, die als religiös-ethisches Institut selbständig .... stets für die gerechte Gestaltung der Gesellschaft und des Lebens denken, sorgen, raten und ihre Stimme erheben."**) Wer einigermaßen die hebräische Literatur der Gegenwart kennt, empfängt von dem Aufsatz als Ganzem, unangesehen seines Gedankengehaltes im einzelnen, einen deprimierenden Eindruck. Er zeigt neuerdings, *) Die „Monatsschrift f. Gesch. und Wissensch, d. Judentums" will demnächst einem Teil dieser Ausführungen Aufnahme gewähren. Ich halte es für angezeigt, trotzdem noch den Aufsatz in seinem vollen Umfang hier zu veröffentlichen. D. Verf. **) Monatsschrift 1916 S. 466, 403, 4^5-