Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Pro confessione
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 423 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 423 sein, das diesen Glauben ohne inneren Widerspruch dulden darf und dulden muß." Dies, mit einigen Kürzungen, die wichtigsten Äußerungen, die ein unmittelbares Verhältnis zum Judentun ausdrücken; daneben wesenhafte, nahezu programmatische allgemeine Ausführungen über Staat, Kirche, Religion und persönliches Bekenntnis, in einer gewählten und geschlossenen Sprache geschrieben . . . Mir scheint in den Äußerungen Rathenaus zur jüdischen Glaubensfrage ein verhängnisvoller sachlicher Irrtum vorzuliegen: die Verwechslung des von einer gewissen Oberschicht aus ihren eigenen Lebenszwecken heraus modifizierten, verflüchtigten und verblaßten Judaismus mit dem eigentlichen, angesichts der Ewigkeit allein gegebenen, historisch und religiös allein wirksamen Judentum, dem Judentum der geistigen Wirklichkeit, wie es in der gesamten Geschichte der Nation zur tiefen Ausprägung seiner Wesenheiten und Wege gekommen ist, und wie es in tausendfach lebendiger Verkörperung, trotz aller Verzerrungen des Galuthelends, dem verbliebenen religiösen Leben der Nation immer noch innewohnt — von schlechteren Elementen sei hier keine Rede. Es ist nicht richtig, daß die Bindung der Judenheit als Religionsgemeinschaft dem Staate zu verdanken sei. Nicht nur im Osten, wo eine solche Behauptung sich selbst widerlegt: auch überall im Westen hat der Staat die unverbrüchlich in ihrem Eigenwesen verankerte sichtbare religiöse Lebensgemeinschaft nur seinerseits öffentlich anerkannt — es ist ein merkwürdiges Symptom für die zunehmende moderne Absolutisierung des Staatsbegriffs, daß dieser elementare soziologischhistorische Tatbestand sich in den Augen eines nochgebildeten Mannes hat derart verschieben können. Ob diese Gemeinschaft als Kirche angesprochen werden soll? „Erblicken wir in der Kirche die Organisationsform, besser gesagt, die Mechanisierungsform eines Glaubens: nämlich sein Rüstwerk, um Räume, Zeiten und Massen zu überwinden und alle denkbaren Kräfte seinem hohen Ziel zu unterwerfen", so kann man allerdings von dieser rein Veräußerlichenden Definition aus die Existenz einer jüdischen „Kirche" verneinen.?a?k?F ^e Kirche kurz vorher und nachher in Übereinstimmung mit kanonischen Vorbildern als eine „Gemeinschaft der Heiligen", als Verbindung von Empfängern und Bekennen! einer Heilslehre also erklärt wird, so suchen wir vergebens den hinreichenden Grund, weswegen die mosaische Religion nun eigentlich doch keine Kirche bilden solle. Den einen zentralen Tempel gibt es zwar nicht mehr (auch andere große Bekenntnisse entbehren eines solchen); aber „kein Gesetz fordert seinen Aufbau"? Man begreift zuerst nicht, wie die höchste irdische Hoffnung der frommgläubigen Juden derart rundweg abgeleugnet werden kann, und erst die weiteren Feststellungen bringen die Lösung: wonach die prophetischen Bücher — geschweige denn alles Spätere — als nicht kanonisch, ihre Forderungen und Verheißungen demnach als nicht gesetzlich bindend angesehen werden. Mit einem solcherweise entformten und in den luftleeren Raum versetzten Judentum würde die Geschichte freilich längst aufgeräumt haben. Die dogmenlose Zufluchtstätte der differenziertesten monotheistisch - ethischen Gemüter, die für alle anderen Heilslehren ein inniges Verständnis — gemischt mit einer milden Verzeihung ihrer Bedingtheit und Gebundenheit — empfinden, würde unbarmherzig unter den Schwingen stärkerer, positiv gebieterischer, wenn auch nicht so allseitig gedeckter, schöpferischer Religionskräfte in ein Nichts zerstieben. Aber das gegebene Vakuumbild ist objektiv und historisch falsch. Der Autor hält hier das ihm wünschenswert erscheinende Finale einer in manchen jüdischen Kreisen zweifellos vorhandenen geistig-religiösen Entwicklung allzu einfach für die gegebene Essenz der jüdischen Religiosität kat exochen. In Wahrheit gibt es keine volljüdische Religiosität — gemeint ist deren Erfüllung in Volk und Geschichte — die nichts als Monotheismus wäre: eher könnte damit noch der Islam identifiziert werden. Auch die Hinzunahme der ethischen Elemente in all ihrer Ausdehnung und Potenzierung kann diese Religiosität noch nicht genügend fassen: hier ist beliebige Annäherung an das Christentum möglich, ohne daß dadurch auch Anlehnung des Wesens stattfände. Die wirkliche metaphysische Grundnote der Religion des Judentums ist vielmehr — die Äußerungen aller seiner führenden Geister bezeugen es ebenso, wie der tiefe Glaube der noch Volk gebliebenen Schichten, und dies ist bei weitem die Mehrzahl der Nation — die unbedingteste Bejahung der messianischen Idee, des gewaltigen Sehnsuchtsglaubens an eine dereinst in Gott geeinigte, gläubig-reine und erlöste Menschheit. Erst die Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von