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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 376

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum
Date
1919-01-01
Page
376 (sequence 6)
Language
German
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376 Max Hildebert Boehm: neuzeitliche Europäismus angesichts seiner Entfaltung zum reinen Machtwillen empfindet. Er fühlt darin die Entfremdung vom Seelischen, vom Absoluten. Nun tastet sich der Machtwille, von reiner Staatlichkeit unbefriedigt, zu einer neuen Verwurzelung im Absoluten hin. Und dieser Prozeß, in dem der Wille zur Macht um eine Begnadung, um eine Beseelung ringt: das eben ist — seinem innersten Gehalt, seiner letzten Rechtfertigung nach — der Nationalismus. Und hier erfüllt sich in einigem Umfang wenigstens die Sehnsucht der emanzipierten Neuzeit nach neuen Bindungen. Denn Volkstum ist vegetativer als Staatlichkeit. Beide aber berühren sich im Hang zur Scholle. Alle kulturelle Geschlossenheit bleibt dünn, schwebt im luftleeren Raum, solange sie nicht bodenständig ist, sich fest in der Landschaft verwurzelt. Die nationale Physiognomie wird unstet und verquält, wenn die Bindung an Land und Klima ihr nicht Festigkeit und Gehaltenheit verbürgt. Und die quellende Masse der Autochthonen ist die einzig sichere Grundlage, auf der der Geist den künstlichen Bau von Zivilisation und Kultur türmen kann. Das sind Grundeinsichten alles echten Nationalismus. Auch der junge Zionismus, der Spätling unter den Nationalismen Europas, teilt sie und bewährt sich eben damit als Nationalismus. Zweig bestreitet mir das Recht, ihn an den dafür in Frage kommenden modern-europäischen Bewegungen zu messen. Er hätte recht, wenn ich diese Analogien überspannte. Aber ich weiß, wie weit sie tragen. Ich widerlegte bereits die Meinung, als wären Europas Nationalismen bloße Verbrämungen einzelstaatlichen Machtwillens. Der Wille zur Macht ist — so sehen wir — nur ihr einer Pol. Arnold Zweig stellt den Zionismus außer und doch wohl über die europäischen Nationalismen — um seines rein innerlichen, seelischen religiösen Gepräges willen. Ich kann nicht bestreiten, daß der deutsche Nationalismus bisher an religiös-metaphysischer Selbstdurchleuchtung etwa hinter dem russischen zurückgeblieben ist und sich bislang weniger als dieser ideologisch zu deuten versucht hat. Aber in Zweigs Abseitsrückung des Zionismus vom deutschen wie auch vom russischen Nationalismus steckt ein Stück Ressentiment, das nicht unbeachtet bleiben darf. Denn dem gewissermaßen dialektischen Weg, auf dem sich die europäischen Nationalismen geschichtlich durchgerungen haben, gebührt eben doch die Anerkennung großer historischer Folgerichtigkeit. Das mag für einen a-historischen Orientalen unerheblich sein, für einen irgendwie in den Europäismus verstrickten Juden ist es nicht unerheblich. Er darf an diesem Wert nicht vorbeigehen. Er muß anerkennen, daß es für eine völkische Bewegung ein Vorzug ist, wenn sie aus einer bodens tändigen, staatlich fest umfriedeten Nation hervorwächst, die nun gleichzeitig ihre Zweige in die freie Luft des geschichtlich kulturellen Lebens reckt und ihre Wurzeln in die Tiefen religiös-metaphysischer Urgründe senkt. Der Nation Ahasvers ist diese geschichtliche Begnadung nicht zuteil geworden. Das ist ihre tiefe Tragik, vor der die Besten unter uns Ehrfurcht empfinden und die uns viele Verzerrung der Losgerissenen verstehen lehrt. Aber aus der tiefen weltgeschichtlichen Not dieses freischwebenden Metaphysizismus sollte der Zionist als Heimatsucher keine Tugend machen. Das ehrt weder seine hohe und schwere Sendung noch den Willen zu wahrhaftigem Verstehen, in dem wir uns vereint finden. Denn das schafft ja dem jungen Zionismus die ungeheuerlichste Erschwerung seiner Aufgabe. Er findet nicht wie wir eine Machtentfaltung des eignen natio-

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