Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 375 (sequence 5)
- Language
- German
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Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum 375 Durchseelung des Lebens in seinem überkommenen, vorgefundenen Bestände. Konservativismus bis zur Reaktion — wenn ich diese grobschrötigen Begriffe hier anwenden darf — ist in der Tat ein wesenhafter Zug im deutschen Charakter, der Deutsche ist — das weiß man ja — bis zum Äußersten antiradikal. Und die Hegeische Philosophie, die in der schlichten Wirklichkeit die tiefe Vernunft, im Sein selber, nicht im Jenseits seiner, den Sinn suchte, war eben deshalb der echteste Ausdruck deutschen metaphysischen Wollens. Hier also, in der Andersartigkeit der Daseinskurve, des Volkes wie auch des Einzellebens, setzt die Scheidung sich von der Sache her durch, und es bleibt eine Angelegenheit zweiten Ranges, ob und in welchen Formen von dieser oder jener Seite Scheidungen erkannt und die Anerkennung solcher Einsichten gefordert wird. Daß und warum hier übertriebene Empfindlichkeit in Taktfragen nicht am Platze ist, werde ich später begründen. Vorerst möchte ich die Erörterung auf die geistes- und weltgeschichtliche Situation zurücklenken, in der Deutschtum, Judentum und Europäertum einander heute gegenüberstehen. Nur von daher kann die Beziehung geistig-seelischer Vorgänge, zu denen ich den jungen Zionismus mit Überzeugung zähle, zu den Fragen der Macht wirklich erfaßt werden. Wir sahen bereits, daß die große Entfaltung des europäisch-neuzeitlichen Geistes — ihrem Wesen nach Emanzipation — eine Gegenbewegung aus sich selbst heraustrieb, in der recht verschiedenartige Motivationsreihen sich innig durchdrangen. Wir bezeichnen sie mit dem viel mißbrauchten Wort Romantik. Die Romantik ist der Weg der gequälten modernen Seele zu den Müttern, ist die tragische und verzweifelte Gebärde, mit der der neuzeitliche Geist — vom Ekel gepackt angesichts der leeren Freiheit, zu der sein „Mündigwerden" ihm verhalf — sich selbst aufs neue zu fesseln sucht. Konservativismus muß sich hier zur baren Reaktion übersteigern. Oder vielmehr: eine charakteristische Abtönung unterscheidet die romantische von der echten konservativen Haltung. Der Romantiker leidet an der Revolution, die ihm an die eigene Seele greift. Es kämpfen in ihm selber der Revolutionär und der Gegenrevolutionär ihren furchtbaren Kampf. Und so gelangt er nie zu der abgeklärten, sich bescheide nden Weisheit, die dem Konservativismus als Lebensanschauung innewohnt. Im Romantiker — das ist das Verzweifelte seiner seelischen Zwiespältigkeit — ist eben Ungenüge, Entfremdung und Liebe, Bewunderung gegenüber dem neuzeitlichen Geist gleich stark. Nimmermehr kann die Romantik ihre Neuzeitlichkeit verleugnen, die verrät sich in ihrem Nationalismus. Denn dieser ist ganz und gar auf modernem Boden gewachsen. Und die frühneuzeitlichen Machtstaaten, mit deren Verfestigung Europa in das Zeitalter seines latenten inneren Kriegszustandes eintrat, der sich immer wieder in eruptiven Katastrophen entlud, diese scheinbar rein politischen Bildungen verhalfen dem Nationalismus zum Durchbruch in rein geistige Schichten: der politisch-kosmopolitische Abenteurer Napoleon wurde zum Geburtshelfer der deutschen Romantik. Für eine solche Deutung scheint es, als wären alle geistigen und religiösen Prozesse, die in Deutschland, in Rußland, in England im Rahmen der Romantik auftraten, bloße Epiphänomene, bloßer Überbau politischer Vorgänge. Sie erscheinen als geistige Maske, in der die Machtgier der Völker ihre Blöße verhüllte, um in widerlich verlogener Heuchelei vor sich selber damit schön zu tun. Eine solche Auffassung irrt. Sie verkennt die tief innerlichen Skrupel, die der