Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 374 (sequence 4)
- Language
- German
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374 Max Hildebert Boehm: alte Aufklärer ihr Ende nicht absah. Auch die Linie von Kant zu Krupp bleibt es, obgleich dem erstaunlichen Königsberger sicherlich keine 42cm-Kanonen als Cauchemar seiner Träume erschienen sind. Aber selbst wenn mir diese rationalistische Ausdeutung der jüdischen Geistigkeit nicht zugestanden wird, kann ich gerade aus den jüngsten Aufhellungen urjüdischer Wesensart einen Schein auf die erwähnten Prozesse zurückspiegeln. Im selben Heft des „Juden" spricht ein anderer Mitarbeiter, Rafael Seligmann, von der „fanatischen Hingabe an den Prozeß der völkischen Entpersönlichung", wie die jüdische Geistesgeschichte ihn zeige. Nimmt man dies Wort etwas weiter, als es dort gemeint ist, als Hingabe nicht nur an die eigennationale, sondern an völkische Entpersönlichung überhaupt, dann ist es fast eine glücklichere Umschreibung des Mommsenwortes vom „Ferment der nationalen Dekomposition", desselben von mir zitierten Wortes, das den besonderen Zorn meines assimilatorischen Kritikers Faber-Goldschmidt entzündete. Dies führt wieder auf die Frage des jüdischen Renegatentums zurück, die ich in meinem letzten Aufsatz abhandelte. Vielleicht liegt hier die peinliche Erinnerung an die Bereitwilligkeit nahe, mit der der Deutsche im Ausland sein Volkstum preisgibt. Unerfreulich und beschämend genug haben wir das gerade in diesem Kriege erfahren. Gewiß lassen sich Beispiele genug für ein Einmünden der jüdischen Assimilation — „Angleicherei" nennt Zweig sie mit glücklicher Wortprägung — gerade auch in einzelnationalen Chauvinismus aufweisen. Auch hier bietet der Krieg lehrreiche Belege. Trotzdem füllten im Gegensatz zu den deutschen die jüdischen Abtrünnigen bislang zumeist die völkisch lauen, international vermittelnden und einebnenden Kreise. Aber sollte nicht gerade diese Fähigkeit zum Abfall von den eignen Traditionen, die das entbundene Judentum gerade im Zeitalter der nationalistischen Verfestigung Europas bekundete, doch irgendwie — gewiß als Verzerrung und ein Heiligstes bloßstellende Entartung — mit der Fähigkeit zu unvermittelter Umkehr zusammenhängen, die Buber so tief und schön als urjüdisches Lebenselement aufgewiesen hat? Eine solche Deutung, die sich durchaus als Teildeutung weiß und nicht mehr sein will, vertrüge sich sehr wohl mit der gleichzeitigen Anerkennung, daß allmenschheitliches Verpflichtungsgefühl daneben eine wesenhafte Wurzel des modern-jüdischen Internationalismus ist, so sehr sich dieses Verantwortungsgefühl hier im Wege irrt. Hier nun finde ich Gelegenheit, auf eine ganz tiefe Kluft zwischen jüdischer und deutscher Sinnesart hinzuweisen, die sich plötzlich in Zweigs Erörterungen auftut. Es erfüllt ihn mit höchster Unruhe, daß ich auch im jungjüdischen Nationalismus ein gleichsam konservatives Moment aufzuzeigen suchte. Die jüdische Bewegung — so bekräftigt Zweig — „ist nicht konservativ, sie scheint nicht einmal so, sie ist auch nicht revolutionär. Sie will nicht das Wesen erhalten, indem sie die Form der Neuerung ergreift — solche Unterscheidungen gelten nicht für eine Bewegung, die der ewigen Forderung Gottes an den Menschen in der Gestalt eines wesentlichen, reinen, vergeistigten jüdischen Lebens auf dem vorbestimmten, allein dazu verhelfenden jüdischen Boden nachzufolgen sucht. Sie will das Wesen erneuen." Hier tritt in der Tat eine letzte Unterscheidung klar zutage. Deutsche Religiosität — so entgegne ich — will das Wesen bewähren, und zwar nicht in der Neuerung, im Bruch mit der Vergangenheit oder der Welt, sondern in der Erhaltung, Verklärung und