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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 373

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum
Date
1919-01-01
Page
373 (sequence 3)
Language
German
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Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum 373 einem so umfassenden Sinne Krieg ist, wie es nie zuvor möglich war? Es bedurfte in der Tat der ganzen Entfaltung des neuzeitlichen Geistes, um diesen Kampf aller gegen alle, dies Zurückstürzen der scheingeordneten Welt ins Chaos möglich zu machen, wie dieser Krieg es uns vor Augen stellt. Die neuzeitliche Entwicklung aber, die in ihn mündete, in ihm ihren furchtbaren Sinn wie in einer abgründig höhnenden Grimasse offenbarte: sie war ein Prozeß der Emanzipation. Er begann mit einer religiösen Auflehnung, der die Unabhängigkeitserklärung des Verstandes in der Aufklärung folgte. Unterdes hatte sich in den zielbewußten Machtzusammenballungen der nationalen Substanzen in den frühneuzeitlichen Despotien ein Neues bereits verraten. Welche Möglichkeit zur Machtentfaltung der Willkür in einem Lebenssystem geboten waren, das alle vegetativen Bindungen zernagt und dem entbundenen Willen — geleitet vom abstrakten Verstand — das Neugruppieren und die beliebigen Konstellationen freigegeben hatte: das begriff die Politik zuerst. Indes hatte in der Philosophie der alte Kant mit der kalten Grausamkeit des Anatomen die Vivisektion der Welt vollendet. Alle Versuche der Romantik von Fichte bis Hegel, das Gelöste und Zersetzte neu zusammenzufügen: sie waren im Grunde zum Mißlingen verurteilt. Insbesondere das Werk Hegels war da eine erhabene Donquichotterie des neudeutschen Geistes: der zerlegte Leichnam ist nicht durch dieselbe Macht, die ihn tötete, durch die Abstraktion des Verstandes wieder zum organischen Leben zu erwecken. Und so fehlte es denn nur noch, daß in Nietzsche der neuzeitliche Geist schrill ausschrie, was seine äußere Wirklichkeit längst wußte: der Weltwille wäre — wir fügen hinzu: nunmehr — Wille zur Macht. In dies Bekenntnis mündete die neuzeitliche Emanzipation. Es hätte mit merkwürdigen Dingen zugehen müssen, hätte hier das nach Europa verschlagene, bislang in dessen Nebenkammern verkapselte Judentum nicht den Anteil genommen, der seinen Fähigkeiten entsprach. Diese Fähigkeiten — das bleibt meine Überzeugung, die mich von Zweig scheidet, und die übrigens durch den Hinweis auf ihre allgemeine Verbreitung noch nicht widerlegt ist — mußten mit Wesensnotwendigkeit die Judenheit welthistorisch neu an die Reihe bringen, sobald der abstrahierende, der scheidende und willkürliche Verstand die Zügel des Weltgeschehens ergriff. Der natürliche Rationalismus des Juden mündete in den europäischen Geist notwendigerweise an dem Punkte, wo dieser in seine rationalistische Phase eintrat. Diese Einsicht ist ja übrigens, wie ich schon früher erwähnte, von jungjüdischer Seite zugestanden, und in der Verzerrung einer ideologischen Karrikatur wird sie selbst durch Hermann Cohens Doktrinen bewährt. Daß die jüdische Geistesgeschichte die Romantik uberspringt (trotz der Dorothea und der Rahel gilt das), daß sie gleich bei den Börne und Heine und Marx und Cohen im rationalistischen Fahrwasser fortfährt: das ist kein Zufall. Und ebenso wenig ist es natürlich ein Zufall, daß sich die Judenheit im neuzeitlichen Lebenssystem dort am sichersten anbaute, Wo dessen abstraktive Tendenzen ihren Gipfelpunkt erklommen: nicht in der großtechnischen Erzeugung, sondern im umsetzenden Handel und auch da wieder lrn abstraktivsten Zweige: im Wechslertum der internationalen Banken. Um auf Arnold Zweigs Einwand zurückzukommen: die Linie von Moses Mendels- , n ~ *cn versage es mir, das sogar an seiner Familie aufzuzeigen — zu isagen wir also:) der Familie der Rothschilds bleibt eine gerade, auch wenn der

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