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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 372

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum
Date
1919-01-01
Page
372 (sequence 2)
Language
German
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372 Max Hildebert Boehm: fassenden Emanzipationsbewegung „angekommen", d. h. also doch, welche Ziele in ihr Bewußtsein getreten und aus ihren Meinungen gewissermaßen quellenmäßig abzulesen seien, das liegt mir hier und allerorts viel weniger am Herzen als vielmehr zu wissen und zu erkennen, was die List der Vernunft im weltgeschichtlichen Fortgang mit ihrem Wirken vorgehabt habe. Und eine solche Einstellung bewahrt dann natürlich von selbst vor dem Zweifel, ob diese Emanzipation in mehr als kausalem Sinne „nötig" gewesen sei. Hier also liegt auf Zweigs Seite ein Mißverständnis. Er sollte wissen, wie tief ein deutscher Europäer an die Wesenhaftigkeit der Geschichte glaubt. Doch zurück zur zivilisatorischen Weltherrschaft des modernen Judentums. Ich glaube gewiß nicht an die geistesgeschichtliche Erheblichkeit der Statistik. Aber einem „winzigen und entfremdeten Teil der Judenheit" an dieser Welteroberung Anteil zuzugestehen: diese schon früher von Zweig verfochtene These scheint mir nach wie vor vollkommen unhaltbar, ja geradezu unverständlich. Und bei allen Zugeständnissen in der Richtung auf nationalkulturelle Unbetroffenheit der wirtschaftlich-zivilisatorischen Sphäre: es ist doch auch wieder nicht zu verkennen, daß der nationale Genius des Angelsachsentums an dieser großartigen Weltkolonisation, der des spätmittelalterlichen Deutschtums an der merkantilen Leistung der Hansa und so auch der des Judentums an der finanziellen Durchorganisierung des Weltkapitals wesenhaften Anteil hat. Von Wertungen irgend welcher Art ist die Feststellung solcher Zusammenhänge rein als solche völlig unabhängig. Und für alle Verwicklungen, die das Hereinragen des Wertens in das Reich des Konstatierens hier zur Folge hat, gibt mir Zweig selber eine Waffe in die Hand, die ich gegen seine Verketzerung meiner Behauptung richte: „Nichts ist so infam in dieser entarteten Judenheit, nichts so erniedrigt in diesem zertretenen Volke, daß wir es nicht als unsere Infamie, unsere Erniedrigung mit stockendem Blicke spürten; nichts so erhaben und nichts so königlich rein in diesem grandiosen Judentum, daß wir nicht erschauernd und hingerissen uns selbst in dieser Größe verschwinden fühlten." Das ist ein Grundsatz von letzter wahrhafter Noblesse, und er hätte kaum eindrucksvoller im Worte geformt werden können. Aber es gilt nun, ihn auch allenthalben im Kampfe zu bewähren. Glaubt Zweig denn, es fiele mir so viel leichter, das von ihm herangezogene Extrem des plumpen, rohen und geistlosen deutschen Raufstudenten auf die Verantwortung meines völkischen Ich zu übernehmen als ihm den international-jüdischen Börsenjobber auf die seine? Und doch muß er das Eine tun und ich gleicherweise das Andere. Das ist für beide schwere Ehrenpflicht, zu der nationaler Adel verbindet. — Daß nun zwischen Emanzipation und Machtwillen ein Wesenszusammenhang besteht, der sich nicht kurzerhand abweisen läßt: das läßt sich ebenso gut an der neu-europäischr n wie an der neu-jüdischen Geschichte ablesen. Das Mittelalter, an ungebrochener vitaler Stärke der Einzelindividuen der Neuzeit zweifellos überlegen, stand an eigentlicher Machtentfaltung der großen überindividuellen Gebilde im sozialen Leben hinter der Moderne zurück. Denn wo der organische Charakter diesem sein Gepräge gibt, da sind eben doch die Kräfte vegetativ gebunden, sie sind zu fest ineinander verschlungen, um steil wider einander aufstehen zu können. Das klingt paradox angesichts der Kampffreudigkeit des Mittelalters. Und doch: empfinden wir nicht alle, daß heute in

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