Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 371 (sequence 1)
- Language
- German
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Max Hildebert Boehm: Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum 371 EMANZIPATION UND MACHTWILLE IM MODERNEN JUDENTUM Im Heft 1/2 dieses Jahrgangs hat Arnold Zweig, einer der führenden Kopfe des jungjüdischen Nationalismus, unter dem Titel „Jude und Europäer" in eingehenden, ohne Zweifel überaus gehaltvollen und menschlich vornehmen Ausführungen auf meine Gedanken über den geistigen Zionismus und die jüdische Assimilation (Preuß. Jahrbücher Febr. 1917) geantwortet. Nicht wortstrittelnder Eigensinn, der um jeden Preis das letzte Wort behalten will — das letzte Wort wird hier die große Geschichte des europäischen Geistes sprechen, und vielleicht werden noch unsere Urenkel es nicht zu hören bekommen —, sondern der ernste Glaube an einen klärenden Erfolg einer solchen Auseinandersetzung bestimmt mich gegen meine ursprüngliche Absicht dazu, mich in diesem Fragenkreise noch einmal öffentlich zu äußern. Während nämlich schon die bisherige Diskussion mit Cohen und den Seinen, die mich zu allererst in die Arena rief, die völlige Aussichtslosigkeit auch nur einer sachlichen Fühlungnahme erwies, so daß es in jener Richtung nunmehr nicht einmal den nackten Weiterkampf mit Gründen lohnt, hat sich die von mir behauptete Wahlverwandtschaft des deutschen und des jungjüdischen Nationalismus bereits in einer für mich recht erfreulichen Weise bewährt. Sie und sie allein rechtfertigt es, die Erörterung unter gänzlichem Verlassen des unzulänglichen Ausgangspunktes fortzuführen. Denn es handelt sich hier — das sollte auch den breiteren Kreisen des Deutschtums klar werden — um eine der ganz großen kulturellen Fragen, die der Sturm der ungeheuren europäischen Aufrührung, deren wir Zeuge sind, aus dem Glimmen und Glosten zur grellen Flamme entfacht hat. Nicht das Judentum allein — an ihm erfahren wir das heute allenthalben —, sondern auch das Deutschtum ist hier zu eindringlicher Besinnung aufgerufen. Und daß bei uns nicht der enge und verbohrte Chauvinismus allein sich zum Worte melde und durch lautes und rohes Gebahren die wahrhaft nationale Gesinnung bloßstelle, daran hat wiederum der nicht Andere, der Jude, allein ein tiefes und ernstes Interesse. Unter den zahlreichen Ansatzpunkten für neue Querschnitte durch die große Frage: Der Jude in Europa wähle ich aus den umfassenden und hintergründigen Darlegungen Zweigs zwei nur im Vorübergehen gestreifte Ideen heraus: Emanzipation und Machtwille (wie ich wohl an Stelle seiner Wendung „Machtgier" setzen darf). Von hier aus will ich versuchen, den von Beginn der Erörterung behaupteten Parallelismus der Probleme innerhalb des jungjüdischen und des deutschen Nationalismus noch wesentlich zu vertiefen, um dann freilich auch die letzten Scheidungen um so klarer herauszustellen. Mit ganz besonderer Entschiedenheit wendet sich Zweig von meiner Formulierung ab, der nationale Genius des Judentums habe sich in den letzten Jahrzehnten, ausgerüstet mit den Machtmitteln der kapitalistischen Jetztzeit, zur Herrschaft in den Weiten der Welt angeschickt. Und des weiteren erklärt er es für ein historisches Mißverständnis, wenn ich die Emanzipation als den Weg zu solcher Weltherrschaft des Judentums auffasse. Die Argumente, die er mir entgegenhält, sind geschichtspsychologistischer Art. So muß ich mich mit emem allgemein geschichtsphilosophischen Widersatz gegen sie verwahren. Worauf es den „führenden Männern", den intellektuellen Exponenten dieser um- 25*