Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 367 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschtum und Judentum 367 Es ist einmal die Natur der Verleumdung, daß alle Widerlegungen nicht imstande sind, sie völlig aus der Welt zu schaffen: calomniez, calomniez, il en reste toujours quelque chose. Und auch dies ist eine Eigentümlichkeit der Verleumdung: daß man die Anschuldigung nur bestärkt, wenn man sich gegen sie wehrt. Die Verleumder kennen dieses perpetuum mobile ihres teuflischen Werkes: qui s'excuse, s'accuse. In diesen psychologischen Momenten steckt die Kraft der Verleumdung und das Geheimnis ihrer Dauerhaftigkeit. Nur wir Juden, die wir die Natur der Verleumdung am tiefsten ergründen konnten, sind gegen die Ansteckungsgefahr der Verleumdung immun. Nur wir Juden sind in der Lage, dem allgemein verbreiteten Glauben an die wahnwitzigsten Schmähungen wider ein großes Kulturvolk zu trotzen und gegen das Recht der Vielen und gegen alle Logik die Behauptung zu wagen: Ja, es ist wohl möglich, daß eine ganze Welt lügt und belogen wird . . . In unserem Mitfühlen mit diesem so sehr verleumdeten Volke ist auch etwas vom Trost gemischt, den die Gemeinschaft von Leidensgenossen bietet. Und er ist uns auch eine Genugtuung, wenn wir an den deutschen Antisemitismus denken, der an den Verleumdungen der christlichen Welt gegen uns einen erheblichen Anteil hat. Nun lernen die Deutschen den Wert der Beschuldigungen kennen, die Viele gegen Wenige, alle Völker gegen ein Volk erheben. Sie lernen jetzt an ihrem eigenen Leibe den Wert des Beweises kennen: „Die ganze Welt sagt es ja" . . . Vielleicht ist Cohen von diesem Parallelismus zwischen der geschichtlichen Lage der Juden und der aktuellen Lage der Deutschen dazu verleitet worden, Geistesverwandtschaft zwischen den beiden Völkern zu suchen. IV. Die zwiefache Treue Cohen sagt: „Ich glaube nur, was zunächst die Juden in aller Welt betrifft, daß auch dem Juden in Frankreich, England und Rußland Pflichten der Pietät gegen Deutschland obliegen; denn es ist das Mutterland seiner Seele, wenn anders seine Religion seine Seele ist." Und weiter: „Es gehört hierher, auch die Schmähungen des französischen Philosophen bloßzustellen, der mit allen Mitteln der Virtuosität und der Reklame, die leider auch reichlich in Deutschland ihr Glück machten, als ein Originalphilosoph sich aufspielte: er ist der Sohn eines polnischen Juden, der den Jargon sprach. Was mag in der Seele dieses Herrn Bergson vorgehen, wenn er seines Vaters gedenkt und Deutschland die Ideen abspricht?" (Deutschtum und Judentum, S.35—36). Ich will hier nicht über die Form des polemischen Auftritts Cohens gegen „diesen Herrn Bergson" urteilen, darf aber sagen, daß diese Sticheleien gegen einen jüdischen Fachgenossen wohl auch in diesen Zeiten, d. h. auch einem „Feinde" gegenüber nicht am Platze sind. Der Talmud verrät uns schon, daß der Biß eines jüdischen Gelehrten sehr scharf und schmerzhaft ist; man könnte noch hinzufügen: um so schärfer und schmerzhafter, als er einem jüdischen Kollegen gilt. Es offenbart sich auch hier die tiefe Ironie unserer Tragik, wenn die zwei größten jüdischen Philosophen sich berufen fühlen, fremde Nationalkul-