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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 366

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Deutschtum und Judentum
Date
1919-01-01
Page
366 (sequence 9)
Language
German
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366 Jakob Klatskin: sei es, daß man — in der modernen Zeit — uns, die Verkünder und Träger der Ideale des Rechts und der Gerechtigkeit, moralisch verbessern und Zivilisation einbläuen wollte. In noch höherem Maße wird uns das deutsche Volk zum Schicksalsgenossen durch den Verleumdungsfeldzug, der gegen es geführt wird. Die Verleumdungen, die man heute gegen das deutsche Volk ausstreut, haben mit dem traditionellen Verleumdungen gegen die Juden ein gleiches völkerpsycho logisches Rätsel an sich. Wir Juden stehen immer fassungslos vor dem Phänomen des Blutmärchens: Wie konnte man eine Anklage erdichten, die in keiner Zeit und in keinem Orte auch nur den leisesten Schein für sich hatte? Man kann sich die Einwurzelung einer Lüge denken, die eine ungeheuere Übertreibung und Verallgemeinerung ist: sie muß jedoch irgend einen Anhaltspunkt haben. Wie konnte aber die Weltlüge des Blutmärchens, die als klassisches Beispiel einer absoluten Lüge gelten darf, Jahrhunderte lang erhalten bleiben? Wenn man behauptet hätte, unsere Gesetzeslehre gebiete es uns, nicht nur das zu genießende Tierfleisch zu salzen, sondern auch den eigenen Leib während eines halben oder des ganzen Tages in einer Salzmasse liegen zu lassen, auf daß kein Tröpfchen Blut im Körper eines Juden zurückbliebe . .., so könnten wir eine solche Albernheit noch verstehen, die in der Vorschrift des rituellen Fleischsalzens wenigstens den Schatten eines Anhaltspunktes hat. Aber die historische Anklage wegen rituellen Genusses von Menschenblut gegen ein Volk, das selbst den Genuß eines Eies verbietet, wenn es einen Blutstropfen enthält, ist ein psychologisches Rätsel. Wir staunen: seit Jahrhunderten leben wir unter Christen, und noch immer erdichten sie die sonderlichsten Märchen von uns und berichten von uns Dinge, als hätten sie nie einen Juden gesehen und als wären wir Höllenbewohner. Dieses völkerpsychologische Phänomen können wir jetzt an einem anderen Volke beobachten. Selbst die nächsten Nachbarn Deutschlands, die mit ihm in tausendfacher Beziehung stehen und ihre geistige Nahrung aus ihm ziehen, erzählen von seinem Volke die tollbösesten Mären, als hätten sie nie einen deutschen Menschen gesehen und als wäre dieses Volk irgend ein wilder Nomadenstamm der Wüste. Achad Haam gewinnt dem Rätsel des Blutmärchens eine lehrreiche psychologische Betrachtung ab: Sind wir vielleicht doch im Unrecht? Wenn die ganze Welt an unsere Schuld glaubt, müssen wir uns nicht als Minorität vor dem Urteil der Majorität beugen? Wie dürfen wir annehmen, daß die ganze Welt aus Lügnern, Schurken und Narren besteht? Müßten nicht schließlich auch wir selbst an die Beschuldigungen glauben? Und ist es nicht nur natürlich, wenn ein sonst gescheiter und ehrlicher Christ sich im stillen sagt: Ich bin nicht imstande, Nachforschungen darüber anzustellen, aber da es von der ganzen Welt seit vielen Jahrhunderten behauptet wird, so muß es doch wahr sein oder wenigstens etwas Wahres an sich haben. Sind nicht alle Gesetze der Logik gegen uns? Auch das deutsche Volk steht jetzt vor diesen Fragen, die einen zum Wahnsinn treiben können. Die Logik wird nun für immer gegen das deutsche Volk sprechen: Wenn die ganze Welt daran glaubt, muß doch daran etwas Wahres sein ...

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