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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 365

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Deutschtum und Judentum
Date
1919-01-01
Page
365 (sequence 8)
Language
German
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Deutschtum und Judentum 365 selbst wenn sie in der Verzerrung der Assimilation den Beigeschmack der von unseren Feinden arg mißdeuteten Arroganz erhalten hat. Die sittliche, aktive Wahrheitsliebe — und nicht bloß die psychologische, passive Schlichtheit — ist auch ein Grundzug des deutschen Volkscharakters; wie wir es auch im gegenwärtigen Kriege, in dem die Lüge sich als die billigste und erfolgreichste Waffengattung bewährt hat, zur Genüge bestätigt sehen. Es ist auch die Wahrhaftigkeit, die das deutsche Volk für die gangbaren Kulturphrasen unempfänglich macht und es einer wertvollen Kriegswaffe beraubt. Aber solche Ähnlichkeiten und Verbindungslinien zwischen Volkscharaktern beweisen nicht eine Wesensgleichheit. Viele gleichartigen Merkmale teilen die Juden auch mit den Franzosen, z. B. Witz, Esprit u. a. m. Anderseits bestehen so tiefgreifende Gegensätze zwischen jüdischer und deutscher Geistesart, daß Nietzsche sagen durfte: „Welche Wohltat ist ein Jude unter Deutschen! Wie viel Stumpfheit, wie flächsern der Kopf, wie blau das Auge; der Mangel an Esprit im Gesicht, Wort, Haltung . . Man könnte wohl einen gewissen Parallelismus zwischen der historischen Lage unseres Volkes und der aktuellen Lage Deutschlands feststellen. Wie das jüdische Volk seit zweitausend Jahren von einer Welt von Feinden umgeben ist, die es zu vernichten trachten; so ist es heute auch das deutsche Volk, das gegen eine Welt von Feinden heldenmütig, wie der kleine David gegen den Koloß Goliath, einen Kampf ums Dasein führt. Insgemeinhin erscheint die zeitweilige Stellung Deutschlands gleichsam als eine Miniatur der geschichtlichen Sonderstellung des jüdischen Volkes. Wer ist das gehaßteste Volk der Welt? Wir Juden. Jetzt teilen wir dieses Schicksal als odium generis humani mit dem deutschen Volke. Und vielleicht wird die neue Giftsaat des Deutschenhasses manche Kräfte dem alten Judenhaß entziehen: es genügt ja ein Sündenbock . . . Und wie die Juden nicht etwa wegen wirklicher und vermeintlicher Mängel und Laster, sondern gerade wegen ihrer Vorzüge und Tugenden gehaßt werden: wegen ihrer geistigen Fähigkeit, die es ihnen ermöglichte, trotz aller Verfolgungen sich im Wirtschafts- und Kulturleben zu behaupten, und nicht zuletzt wegen ihrer strengen Sittenlehre, die unser Volk der Menschheit gab — man hätte uns nicht gehaßt, wenn wir sozial und moralisch auf die Stufe des Zigeunervolkes gesunken wären —; so richtet sich heute der grimmige Haß gegen die Deutschen nicht wegen ihrer schlechten, sondern wegen ihrer guten Eigenschaften: wegen ihres Fleißes, ihrer Tüchtigkeit, ihrer Leistungen und Erfolge, ihrer starken Individualität und ihrer geistiger Machtstellung und nicht zuletzt wegen ihrer derben, ungeschminkten Wahrhaftigkeit, die sie in den Augen der koketten, süßlichen Zivilisation als Barbaren erscheinen läßt. Man beschuldigt sie, wie uns Juden, der Weltbeherrschung, die ja nur redliche Kulturentfaltung lst. Man will sie, wie uns, schwächen, demütigen. Man will sie, wie uns, züchtigen, verbessern. Man spielt sich als moralischer Lehrmeister auf und Wagt es in vollem Ernste zu sagen, daß man mit dem Krieg nichts anderes beabsichtigt als dem deutschen Volk — dem Volk Goethes, Humboldts, Herders und Kants — Kultur zu bringen. Auch alle Judenverfolgungen und Judenpeimgungen wollten ja nur unseren Vorteil: sei es, daß man bestrebt war, uns, das Volk der Bibel, des Segens der wahren Religion teilhaftig werden zu lassen;

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